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Der Israelit · 1885-04-13 · Heft 29 (13.4.1885) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 29 (13.4.1885)
Date
1885-04-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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476 gleichzeitig sich bereit erklärte, die Authenticität des von seiner Tochter herrührenden, in jüdischen Lettern geschriebenen Briefes zu beweisen. Tie Redaction verweigerte die Aufnahme der Berichtigung. Man fragte den Vater, warum ihm so viel an seiner Tochter liege, die ja doch bereits getauft sei, und da alle seine Nachforschungen, sie aufznfindcn, ersolglos sein werden, weil kein weltliches Gericht befugt sei, sich in kirchliche Angelegenheiten zu mischen. Herr Stieglitz erklärte, sich an den Staatsanwalt lvcndcn zu wollen. Der Ezas ignorirte trotzdem die ihm zugcmnthete Berichtigung, aber das Blatt brachte am folgenden Tage eine kurze Notiz des Inhalts, das; Herr Stieglitz behauptet, seine Tochter nicht geschlagen zu haben. Gleich darauf veröffentlichte jedoch der Ezas abermals einen Bericht über die Ursache des Verschwindens der Rachel Stieglitz ans dem elterlichen Hause und deren Taufe, wobei Pater Eberhard als ganz unschuldig an diesem traurigen Vorfälle dargestellt wird. In diesem Berichte wird auch ein merkwürdiger Brief mitgetheilt, den angeblich die getaufte Rachel, ans Deutschland, an ihre jüdisch-orthodoxe Großmutter in Krakau gerichtet haben soll, der aber sonderbarerweise nicht in die Hände der Letztgenannten, sondern in die des Pater Eberhard gelaugte und migcnjdjcmUd) wie der gedachte Brief aus Paris fingirt ist, um die Nachforschungen der Eltern nach dem Aufenthaltsorte ihrer Tochter auf falsche Fährte zu lenken. Diese Epistel lautet folgendermaßen: Theuerste Großmutter! Obgleich du mir gewiß böse bist, drängt es mich, euch mitzutheileu, daß ich gesund bin und mich in meiner katholischen Religion glücklich fühle und derselben bis zum Tode treu zu bleiben gedenke. Theure Großmutter und theure Eltern, ich werde eurer nie vergessen. Bin ich doch euer Kind! Ich wollte schon lange an euch schreiben und zögerte nur aus Furcht, daß es euch unangenehm sein könnte. Ich fühle euren Schmerz und eure Bangigkeit. Mich selbst drückt vielleicht ein größerer Schmerz. Aber die katholische Religion ist mir theurer als Alles. Ich lebe nur für sie, für sie will ich alle Drangsale des Lebens ertragen und für sie sterben. Ich befinde mich in einem sehr anständigen großen Hause (in Deutschland), wo mir wahrhaft mütterliche Obhut zu Theil wird. Ich arbeite bereits für meinen Lebensunterhalt, was mich sehr freut, indem ich Anderen nicht mehr zur Last falten werde. Ich habe hier so Manches gelernt, häusliche Wirthschaft und gut Deutsch sprechen u. dgl. Von hier werde ich einen guten Posten bei einer großen Herrschaft erhalte» können, Ich habe bereits anständige Dinge, Wäsche n. s. w. Ihr möchtet große Freude haben, wenn ihr, theure Eltern, mich sehen wurdet. Ich bitte euch, sowie alle meine Verwandten, daß ihr endlich anfhöreu möget, mir durch eure Nachforschungen nach mir Unannehmlichkeiten zu bereite»; denn das Alles wird erfolglos bleiben. Denn wenn ich wollte, wäre ich schon lange zu euch zurückgekehrt. Ich könnte dies sehr leicht thun und habe diesbezüglich völlige Freiheit. Aber mich drängt es, für die katholische Religion bis 511m Tode zu leiden. Dies möge euch, theure Eltern, zmu Beweise dienen, daß ich nicht in Folge Zuredens, sondern ans eigenem freien Willen Katholikin geworden bin. Ich bitte euch, den Geistlichen (Pater Eberhard) nicht zu verfolgen, welcher, wie ihr nun einfchet, euch gegenüber nichts verschuldet hat und nngerechterweise von euch verfolgt wurde. Ich hoffe, daß ihr nach diesem Briefe euch beruhigen werdet, indem ihr erfahrt, daß ich mich ganz wohl befinde. Dieser Brief steht in entschiedenem Widerspruche zu jenen Mittheilunge», welche der mit jüdischen Lettern geschriebene Brief der Rachel enthielt. Trotz aller dieser Tinge und trotz der im Reichsrathe eingebrachten Interpellation an den Leiter des Justizministeriums, Baron Prazak, hört man immer noch nichts Näheres über das Eingreifen der Gerichte, die wohl am leichtesten in der Lage wären, diese» für die Zustände Galiziens bezeichnenden Fall aufzuklären. Krakau, 4. April. Da Pater Eberhard das gestrige, angeblich an ihn gerichtete Schreiben der Rachel Stieglitz bei dem hiesigen Gerichte deponirte, offenbar um dadurch auf den Gang der in dieser Affaire cingeleitcten gerichtlichen Untersuchung einzuwirken, sahen sich die Eltern der Rachel veranlaßt, unverzüglich Schritte zu thnn, um zu erwirken, daß ihnen gestattet werde, mit ihrer Tochter in Gegenwart unparteiischer Zeugen, jedoch nicht in Gegenwart von Nonnen, eine Zusammenkunft zu erwirken. Sie behaupten. Rachel Stieglitz habe die betreffenden Briefe an Pater Eberhard unter Pression geschrieben. Man ist auf die diesbezügliche ministcrielle Entscheidung gespannt. Wochen-Kalender. Freitag, 17. April, 2. Iior. Samstag» l«. April, 3. Ijor. 'a p-e 3"rü0 jnsci jnfn . Snbbat-Ausgang 1 Uhr .»0 Min. (Mainzer Uhr.)

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