Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 43 (1.6.1885)
- Date
- 1885-06-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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709 schlechter! werden würden, muß schon das Mitleid mit diesen armen Leuten einflußreiche Männer veranlassen, alle Mittel in Bewegung zu setzen, um die Regierung zur Zurückziehung dieser harten Verordnung zu bewegen. Persönliche Bitten der ersten Rabbiner an geeigneter Stelle würden sicherlich vom besten Erfolg gekrönt sein. München, 17. Mai. Der hiesige Vcrwaltungsgcrichtshof hat eine prinzipiell bedeutsame Entscheidung gefällt auf die Beschwerde mehrerer Israeliten von Melefrühstadt hin. Dieselben waren nach dem Bescheide der nnterfränkischen Krcisregierung zur Entrichtung von Gemeindcnmlagen für katholische Kultnszwecke herangezogen worden. Daraufhin hat das Verwaltungsgcricht unter thcilweiser Abänderung des Regierungsbcscheidcs ausgesprochen, daß die Beschwerdeführer nicht beitragspflichtig seien, soweit die beanspruchten Beiträge sich lediglich auf kirchliche Leistungen bezögen. Baisingen, 19. Mai. Am -inen rers rot? feierte die hiesige israelitische Gemeinde das 25jährige Ortslehrerjubiläum ihres Lehrers und Vorsängers Kahn. Dem Bilde der Eintracht und Verträglichkeit fehlt niemals das Gepräge des Erhabenen, so auch hier, wo es sich uns im bescheidenen Nahmen der gegenseitigen Beziehungen einer Landgemeinde und ihres Lehrers darbot. Ein Vierteljahrhundert hindurch widmete Herr Lehrer Kahn seine bewährte Kraft mit Ausdauer und Gewissenhaftigkeit der Ausbildung unserer Jugend in religiösem und weltlichen Misten, sowie seinem geistlichen Amte, und wie er mit der Gemeinde, so theilte diese mit ihm, sich stets rath- und hilfsbereit zur Seite stehend, die frend- und leidvollen Geschehnisse einer solch langen Reihe von Jahren. Einer gottgcsegncten, glücklichen Ehe ist solches Verhältniß zu vergleichen. Welchem Gedanken denn auch Herr Rabbiner Dr. Jaradzewki, anlchnend an die Hafthorawortc H 7nznw, in formvollendeter, alle Herzen bezwingender Rede, Ausdruck zu verleihen wußte. Vom Geiste echter Humanität und Duldsamkeit durchweht, verfehlte diese Rede ihres erhebenden Eindrucks weder bei den jüdischen noch christlichen Zuhörern, von welch letzteren sichOrtspfarrcr und Gemeinderath eingefnnden hatten. Der Predigt folgte ein vom Jubilar gesprochenes, ergreifendes Gebet. Nach beendigtem Gottesdienste wurde der Jubilar in feierlichem Aufzuge, Rabbiner und Pfarrer zur Seite, so wie er abgeholt worden, auch wieder in seine Wohnung geleitet, die sich alsbald von Glückwünschendcn füllte. Der Nachmittag ward sodann einer geselligen Vereinigung im jüdischen Gasthofe zur Rose gewidmet, die von Lrtsangehörigen und Auswärtigen überaus zahlreich besucht war. Wenn wir hierbei des Erscheinens verschiedenerHerrcn christlicher Geistlichen und Lehrer, sowie der Ortsbehörde und deren loyalen Anthcilnehmens an Trinkrcden und Gesängen gedenken, so muß das Gefühl des Dankes gegen Gott in uns aufsteigen, dessen Gnade den Umschwung der Zeiten zu unfern Gunsten herbcigeführt hat. Welcher Gegensatz zwischen jenem Baisingcn des 16. Jahrhunderts, von dessen unglücklicher jüdischer Gemeinde uns der verehrte Herausgeber dieser Zeitschrift kn seiner berühmt gewordenen Erzählung „Rabbi Josclmann von Rosheim" ein solch schaurigfestclndes Bild entrollte, zwischen dem Baisingen ferner, das noch 1848 seine Judenhetze schlimmster Art hatte und dem heutigen, dessen Israeliten sich des confessionellen Friedens, der unbeschränkten, bürgerlichen Rechte und eines blühenden Wohlstandes erfreuen! Doch kehren wir zu unscrm Feste zurück. Die Reihe der Trinksprüche eröffnete Herr Rabbiner Dr. Jaradzewski nach Verlesung anerkennender Dekrete seitens der Vorgesetzten Behörden, mit einem begeistert ausgcnommencn Hoch auf unfern vielgeliebten Landesvater. Es folgten dann ernste und heitere Vorträge in buntem Wechsel und versetzten alle Anwesenden in die gehobenste Stimmung. Herr Ortspfarrer Gulden feierte den Jubilar unter sinniger Verknüpfung dessen Namens und Standes und Anspielung auf den „Eohcn gadol." Herr Lehrer Strauß, Nordstetten, trug ein humoristisches, Schillers Glocke parodircndcs, Gedicht auf den Jubilar vor. Letzterer dankte in gerührten Worten für so viele Ehrenbezeugungen und brachte sein Hoch allen Bewohnern des Ortes. Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß der Jubilar mit reichen Ehrengaben von der Gemeinde Vaisingen sowohl, als auch von Einzelnen bedacht wurde. Selbst die Nachbargemcinde Mühlen, in der derselbe früher angestellt war, bewies durch Ileberrcichnng eines silbernen Bechers und regen Besuch des Festes ihre treue Anhänglichkeit zu ihrem ehemaligen Lehrer. In jeder Hinsicht wohlgelnngen, wird dieses Fest Allen, die ihm anwohnten, in freundlichster Erinnerung bleiben. Wir schließen unfern Bericht mit dem aufrichtigsten Wunsche, der Allgütige möge ferner diese Gemeinde in seine schützende Obhut nehmen und dem Jubilar Gesundheit und Rüstigkeit verleihen, seinem Berufe noch lange Zeit in gedeihlicher Wirksamkeit vorstehen zu können.