Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 41-42 (28.5.1885)
- Date
- 1885-05-28
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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696 der Diaspora, gelehrt und an ihrer Spitze stand nunmehr der von Nasch! so oft erwähnte Rabbenu Jakob ben Jakir. Von Mainz begab sich Nasch! nach Worms, wo er des Unterrichts der beiden großen Nabbinen Jsak Halevi und Jsak ben Jehndah genoß. Später begab er sich nach Speyer, um zu den Füßen des Rabbenu Eljakim zu sitzen. Dann kehrte er in seine Heimath zurück, von wo aus er die ganze Welt mit dem Lichte seines Geistes erleuchtete. Es scheint, daß Rasch! eine Zeit lang in Worms als Rabbiner und Leiter der Hochschule fungirt hat. Das Bild, welches wir heute unseren geehrten Lesern vorführen, zeigt uns die alte Synagoge von Worms und das an dieselbe angebaute Beth Hamidrasch, welches als das Haus bezeichnet wird, in dem Raschi seine Lehrvorträge gehalten haben soll. Ein großer, aus Steinen zusammengefügter Lehnsessel wird als „Naschi's Stuhl" gezeigt. Als wir im Jahre 1855 zum ersten Male Worms besuchten, sahen wir noch ein an die Mauer angefügtes steinernes Aleph, das so groß war wie ein Mann von Mittelgröße. Man sagte, daß Raschi unfähige Schüler auf das Aleph verwiesen, das heißt, ihnen angedeutet habe, daß sie von vorne aufangen möchten. Bei der bald darauf vorgenonnnenen Renovation des Gebäudes wurde dieses Aleph zertrümmert, so daß jetzt keine Spur mehr davon vorhanden ist. Naschi's Hauptwerk ist sein schöner, lichtvoller, umfaffender Eommentar zu fast allen Maßechthoth des Talmud Babli, dem wir das Berständniß dieses gewaltigen Werkes verdanken. Ohne den Commentar Naschi's würde uns der Talmud Babli vielfach ebenso unverständlich sein wie manche Partieen des Talmud Jeruschalmi. Raschi hat allerdings hierbei die Eommcntarien älterer Gelehrter, namentlich des obenerwähnten Rabbenu Gerschom aus Mainz, benutzt; sein Eommentar übertraf jedoch die Erklärungen aller seiner Vorgänger derart, daß er sie alle verdrängte. 5kein Anderer hat so lichtvoll, klar und mit so seltener Präcision und Kürze die schwierigsten Talmudstellen zu erklären vermocht. Ebenso werthvoll wie seine Erklärung der mündlichen Lehre, ist sein Eommentar zur heiligen Schrift, namentlich zum Pentateuch. So ist Raschi wie kein Anderer, der Lehrer aller Geschlechter geworden, die nach ihm gelebt haben und wird es auch für alle Zeiten bleiben. — Raschi starb im Alter von 77 Jahren, im Jahre 1105, in der Vollkraft seines Schaffens. Gerade war er mit der Commentirung des Traktats Mackoth beschäftigt; er war bis zum neunzehnten Blatte desselben gekommen und hatte gerade das Wort „rein" geschrieben, als seine reine Seele den? Körper entstoh. Sein Schüler und Schwiegersohn Rabbi Jehuda bar Nathan, vollendete den Eommentar zu der genannten Maßechtha. Ein anderer Schwiegersohn hieß Rabbenu Meir, welcher der Vater dreier berühmter Söhne wurde: Rabbenu Samuel bar Meir (Raschbam), Rabbenu Jizchak bar Meir (Ribam) und Rabbenu Jakob bar Meir, genannt Rabbenu Tham. Diese drei Enkel Naschi's wurden die Begründer der großen Thoßaphisten-Schule. Sie waren die größten Männer ihrer Zeit, und namentlich der Jüngste von ihnen, Rabbenu Tham, wurde der Lehrer von ganz Israel. Seine Entscheidungen sind meistens für die Halachah maßgebend, selbst da, wo er sich im Widerspruche mit seinem Großvater befindet. Einen Sohn hat Raschi nicht hinterlaffen. Seine drei Töchter waren mit großen Talmudgelehrten vermählt. Zwei von diesen haben wir genannt; der Name des dritten ist nicht auf uns gekommen. Wie mit allen großen Männern, hat sich auch mit Raschi die Sage vielfach beschäftigt. Sie weiß von seinen großen Reisen und Wanderungen zu erzählen; sie bringt ihn in Verbindung mit Gottfried von Bouillon, dem Helden des ersten Kreuzzuges, der Jerusalem eroberte und zum Könige der heiligen Stadt ausgerufen wurde. Die Sage erzählt, Raschi habe den unglücklichen Ausgang des Kreuzzuges prophezeiet und vorhergesagt, daß Gottfried nur mit drei Roffen und einem halben Rosse in die Heimath zurückkehren würde. In Begleitung dreier Reiter sei der Fürst bis an das Thor der Stadt gelangt und habe geschworen, Raschi und alle Juden zu strafen, weil die Propezeinng nicht ganz in Erfüllung gegangen, da er doch mit 4 Roffen heimkehre. Die Zugbrücke wurde niedergelassen, und Gottfried ritt mit seinen Begleitern in die Stadt ein. Als der Letzte derselben die Brücke pasiirte, fiel durch einen unglücklichen Zufall das Fallthor herab und halbirte Roß und Reiter, so daß die Prophezeiung wörtlich in Erfüllung gegangen war; denn das halbe Roß lag außerhalb des Stadtthores. Voll Bewunderung habe sich minmehr Gottfried in das Haus des Rabbiners begeben, um ihm seine große Verehrung zu bezeigen. Dort aber herrschte eine unheimliche Stille und als der Fürst in das Studierzimmer des Rabbinen eintrat, sah er ein Licht auf der Erde stehen, das die Bahre des großen Weisen beleuchtete. Daß diese Sage der Wahrheit nicht entspricht, ist zweifellos. Gottfried von Bouillon starb in Jerusalem fünf Jahre früher als Raschi. — Wir bedürfen solcher wunderbaren Geschichten nicht, um die Größe unseres erhabenen Lehrers Rabbenu