Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 27-28 (9.4.1885)
- Date
- 1885-04-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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447 über das Kind geneigt hatte. „Gleich wird eiii Arzt hier sein; das arme Kind wird hoffentlich bald zu sich kommen." „Kommen Sie, Frau Maibaum," sprach einer der Umstehenden, indem er die Zitternde unter den Arm faßte, und sie sorgsam in das Haus geleitete, „das Kind muß auf's Bett gelegt und mit kaltem Master gelabt werden; dann wird es sich rasch erholen." Sie erwiderte nichts, ihre Zähne schlugen wie im Fieberfrost aneinander, aber sie winkte dem Manne, der das Kind trug und, begleitet von einigen Aachbaren, begaben sie sich in das Haus. Der Herr, besten Kutscher das Unglück verschuldet hatte, war ihnen gefolgt. IS'iitc der anwesenden Frauen bemühte sich, durch naßkalte Tücher das noch immer hervorquelleude Blut zu stillen, eine Andere redete ermuthigend der verzweifelnden Mutter zu. „Mein Gott! mein Gott! — rette ihn — erhalte ihn!" murmelte diese leise schluchzend, währcud Thräne auf Thräne über ihre bleichen Wangen stoß. „Da kommt der Arzt!" rief der Herr, der seinen Kutscher nach ärztlicher Hilfe ausgesandt hatte, und in Wirklichkeit hielt fast im selben Moment ein Wagen vor dem Hause, und gleich daraus trat einer der angesehensten Aerzte der Stadt in das Zimmer. Gr untersuchte die Wunde, versicherte sofort, daß keine Gefahr vorhanden, und seinen Bemühungen gelang es bald, das Kind wieder zum Bewußtsein zu bringen. „Nur verhalten Sic sich ruhig," wandte er sich mahnend an die Mutier, „keinen Ausbruch der Freude, keine übergroße Zärtlichkeit, all' dergleichen könnte die Wiederherstellung des kleinen Patienten ernstlich gefährden." Eben hatte der Kleine die Angen anfgcschlagen und blickte verwundert um sich. „Wo bin ich?" fragte er. Frau Maibaum unterdrückte einen Freudenschrei, als die sonst so helle, seht jedoch etwas belegte Stimme ihres Kindes an ihr Ohr drang. „Ruhig, ruhig!" mahnte der Arzt, indem er sie sanft, znm Bette schob, während er dem Fremden winkte, sich zurückzuziehen. „Mutter!" rief der Kleine freudig und seine Stimme war jetzt ganz hell, „ach, ich habe mich gefürchtet — ich habe gar nicht gewußt, tvo ich bin, und auch nicht, wo Du bist." „Du bist ja in Deinem Bette, liebes Herz," erwiderte sie, sich zu ihm setzend. „Aber warum waren denn so viele Menschen da?" „Die haben uns nur besuchen wollen." „Aber -" „Aber jetzt mußt Du hübsch ruhig sein, lieber Kleiner," siel der Arzt ein, „morgen sollst Du Alles erfahren; wenn Du aber heute zu viel plauderst, könntest Tu nicht schlafen und dann tonntest Du morgen nicht ausstehen." „Sei hübsch ruhig, Liktor," bat Frau Maibaum, „mache die Augen zu und suche zu schlafen, ich bleibe bei Dir." „Schlaf ist in diesem Falle die beste Medizin " sprach der Arzt aufstehend. „Kommen Sie, Herr von Königsteiu" wandte er sich an den Herrn, der ihn hatte rufen lassen, „das Beste, was wir für heule dem Kleinen thun können, ist, daß wir ihm Ruhe schaffen." Gr traf noch einige Anordnungen für die Nacht; dann entfernten sich die Herren, die übrigen Fremden folgten ihnen; nur eine Nachbarin blieb im Krankenzimmer, um Frau Maibaum in der Pfiege zu unterstützen, denn diese war allein mit dem Kinde, ihr Gatte war verreist. Die Nacht verstrich verhältuißmäßig ruhig. Die Frauen wechselten unablässig die kühlenden Umschläge, wie der Arzt cs geboten, und hin und wieder schlummerte auch das Kind. In der ersten Hälfte der Nacht ward er freilich von brennendem Durst gequält, verlangte häufig zu trinken und erschreckte die Frauen öfters durch sein lebhaftes, oft nnzusainmcnhüugendes Plaudern. Gegen Morgen jedoch ward er ruhiger. „Jetzt schlaft er, Gottlob!" sagte Frau Maibaum, die mit inniger Genugthnnng seinen gleichmäßigen Athcmzngcn lauschte. „Liebe Frau Lewin, Sic haben sich um meinetwillen die ganze Nachr verstört — ich bin Ihnen so vielen Dank schuldig" „Wie können Sie nur davon reden, Frau Maibaum, das wäre dvch schlimm, wenn Nachbarinnen einander derartige Gefälligkeiten nicht leisten wollten — " „Aber jetzt könnten Sie sich niederlegen, das Kind schläft, Sie könnten 'auch noch ein paar Stunden schlafen." „Wo denken Sie hin, um diese Zeit zu schlafen, das bin ich uid)t gewohnt,. und übrigens macht es mir gar nichts aus, hin und wieder eine Nacht zu wachen. Aber Sie, beste Frau Maibaum, Sie könnten sich niederlcgen; nach dem Schrecken wäre es Ihnen doppelt gut, ein Stündchen zu schlafen. Und Sie könnten unbesorgt fein, ich werde auf das Kind Acht geben. —" „Das weiß ich, Sie sind so sehr, sehr gut. Aber ich könnte nicht schlafen, wenn ich wollte. Der Schrecken steckt mir noch in den Gliedern". „Das kann ich mir denken, und eben darum wäre es gut, wenn Sie schlafen würden. Ich bitte Sie, mir zu Liebe versuchen Sie 's." l Doch Frau Maibaum schüttelte den Kopf.