Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 25-26 (30.3.1885)
- Date
- 1885-03-30
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449529--21949-2511548- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
435 thancn steht dem entgegen. Als z. B. der Sultan Soliman den Inden gestattete, ohne Beschränkung Pantoffel zu tragen, wurden auf den Straßen von Fes am Hellen Tage so viele Juden gctödtet, das; die Inden selbst um Wiedcraufhcbung des Dekrets baten. Daß die Inden trotz dieser Erniedrigung im Lande blieben, hat seinen Grund darin, das; die Regierung sehr wohl ihren stutzen und ihre Rothwcndigkeit kennt; sie setzt ihrer Auswanderung dadurch ein unüberfteigliches Hindernis; entgegen, das; sic den Frauen überhaupt verbietet, das Land zu verlassen. Die Weiber, welche uns besuchten, zeigten uns schwere Armringe ans cisclirtem Silber, welche sie unter ihrem Mieder verborgen hatten, aus Furcht vor habgierigen Mauren. Unter den Besucherinnen waren einige kleine Mädchen, welche mit demselben Auswande gekleidet waren wie die älteren. Tic eine stand neben ihrer Mutter in noch furchtsamerer Haltung als die anderen. Ter Gesandte erfuhr auf seine Frage, das; sic zwölf Jahre alt sei. Sic wird sich wohl bald verheirathcn? fragte er weiter. Ach, antwortete die Mutter, sie ist eigentlich schon zu alt, um einen Mann zu bekommen. — Wir glaubten, das; die Frau scherze, sie aber, erstaunt über unsere Ungläubigkcit, fuhr fort, indem sie auf ein noch jüngeres Mädchen zeigte: Sehen Sie diese da an; sic wird erst in sechs Monaten zehn Jahre und ist schon seit länger als einem Jahre verheirathct. »Wir wollten das nicht glauben, sie aber lud uns ein, ihr an einem Sonnabend, wo sie uns würdig empfangen konnte, die Ehre unseres Besuches zu erweisen, dann wolle sic uns den Ehegatten und die Trauungspapiere zeigen. Wir erfuhren noch, das; der Gatte volle zehn Jahre alt sei. Als lvir noch ungläubige Gesichter machten, bezeugten die anderen Frauen die Aussage der einen und fügten hinzu, das; cs selten sei, das; ein Mädchen sich nach dein zwölften Jahre noch vcrhcirathc; die meisten seien mit zehn, viele schon mit acht, manche selbst schon mit siebe:: Jahren verheirathet, nieist mit Knaben in ähnlichem Alter. Sic bleiben dann natürlich noch bei den Angehörigen, welche sie kleiden und ernähren, sie wohl auch, wenn die Zucht es verlange, ohne Rücksicht ans ihre eheliche Würde die Ruthe kosten lasien; die jungen Eheleute leben aber dabei zusammen, und die Frau ist dem Manne nnterthan. Es war ein trauriger Anblick, wie die Frauen, als sie sich wieder entfernten, ihre Pantoffel unter die Arme nahmen, ihre Kostbarkeiten unter dem Mieder versteckten und bei aller Schönheit und reichen Kleidung barfuß durch die schmutzigen und steinigen Straßen dahinschrktten, scheu und bittend, als wollten sie Beleidigungen fern halten, um sich blickend. Es gibt in Fes etwa 8000 Inden, die sich in Gemeinden thcilcn, welche von in hohem Ansehen stehenden Rabbinern geleitet werden." Rohlfs*) fügt den Angaben De Amicis' über die erniedrigenden Vorschriften, denen die Inden in Marokko unterworfen sind, noch einiges hinzu. Sie dürfen außerhalb ihrer Milha auch nicht den Boden bebauen, dürfen nur ans Maulthieren und Eseln reiten; cs ist ihnen verboten, auf den Märkten und vor den Buden einen Mohamcdaner zu überbieten, wenn cs sich um Lebensmittel handelt; sic dürfen nicht arabische Schrift lesen oder schreiben; sie dürfen sich auf der Reise nicht einem Brunnen nähern, sobald er von Mohamedanern umstanden ist: sie dürfen sich einem Mohamesaner nicht gerade, sondern nur .schräg gcgcnübersetzen, müssen beim Begegnen stets links answeichen und auf - der Reise schm? von Weitem absteigen, falls sic zu Esel sind, um zu Fuß an dem Muselmann vorbeiznkommeu; sie müssen statt des rotheu einen schwarzen Fes tragen und müssen den Burnus so umwcrfen, das; die Ocffnung sich auf der rechten Seite befindet, so das; der linke Arm gar nicht benutzt werden kann. Sie haben ferner manche entehrende Aemtcr zu versehen, wie das Köpfen, Hängen und Einscharren von Verbrechern , das Füttern der wilden Thiere des Sultans re. Das Leben der Inden ist auch seit Abd er-Rahman noch durchaus nicht ganz sicher, denn ein Grundsie zu tödten, ist leicht gefunden, und oft genug gibt habgierigen Beamten dcr Reichthum einen solchen ab, wobei vielleicht ein Scheingrnud vorgeschützt wird. Reben der Fülle drückender und entehrender allgemeiner Bestimmungen kommen noch Gebräuche einzelner StämmenndOrtschaftcn,sowienamentlich die willkührlichcn Handlungen einzelner Personen in Betracht. Erst in der neusten Zeit werden die Zustände wenigstens in den Hafenstädten etwas besser, namentlich dadurch, daß die Inden sich, wenn irgend möglich, unter den Schutz einer europäischen Macht stellen; so haben sich z. B. viele den spanischen Behörden unterstellt, welche jetzt über Juden anders denken als vor 400 Jahren. Im Innern des Landes aber gilt europäischer Einfluß noch nichts, und dort werden die Zustände noch lange nicht anders werden; auch Verträge nützen da kaum etwas, denn der Mohamedancr glaubt sich nicht verpflichtet, dieselben den Ungläubigen gegenüber zu halten. Des heutigen Eulturzeitalters würdige Zustände werden erst nach dem Zusammenstürze des marokkanischen Tespotenstaates geschaffen werden können. *) In dem angesührteu Aussatz«.