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Der Israelit · 1885-03-30 · Heft 25-26 (30.3.1885) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 25-26 (30.3.1885)
Date
1885-03-30
Page
– (sequence 23)
Language
German
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434 darauf aufmerksam, daß der auf seine Macht ohne jeden Grund so stolze Sultan von Marokko cs hauptsächlich der Gunst der Engländer zu danken habe, daß er sich im Allgemeinen ungestörter Ruhe erfreuen könne. Tenn wenn cs einst zur Thcilnng Marokko'«, zum Sturze des einheimischen Despoteurcichs kommt, dann werden voraussichtlich andere Mächte als England die Erbschaft antrcten. Haben schon die Mohammedaner selbst unter der Willkührherrschaft ihres Sultans genug zu leiden, so gilt dies noch viel mehr von den Andersgläubigen, insbesondere von den Juden; denn Ehristeu leben hauptsächlich nur in wenigen Hafenstädten unter dem unmittelbaren Schutz der europäischen Eonsnlate. Tie Juden aber bilden nicht nur einen wesentlichen, sondern auch einen der ältesten der Bestandtheile der Bevölkerung von Marokko. Nach Nohlfs kann man in Marokko drei — unter Hinzurechnung moderner Einwanderungen sogar vier — Gruppen von Juden unterscheiden. Die ältesten sind wahrscheinlich schon zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft nach Afrika gegangen. Sie sind voni Sultan nicht abhängig, leben unter den Berbern, sprechen berberisch und tragen Waffen; auch brauchen sie nicht wie die andern Juden die mohamcdanischcn Berber mit „Sidi", Herr, anzureden, sondern bedienen sich einfach des Namens. Andere berberisch redende Inden soll es am Wadi Nun (im äußersten Südwesten von Marokko) geben. Tie zweite Gruppe der Juden ist wahrscheinlich zugleich mit den Arabern oder bald nach ihnen in's Land gekommen. Sie wohnen in mehreren Städten des Ostens und Nordens, namentlich auch in der Hauptstadt Fes, und sprechen arabisch, welches sie aber mit hebräischen Schriftzeichen schreiben. Die dritte Gruppe der Juden ist auf die Einwanderung des dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts zurückzuführen, wo in verschiedenen Ländern Enropa's Judenaustreibungen stattfandcn. 1350 kamen sie aus den Niederlanden, 1290 und 1403 aus England. 1403 aus Frankreich, 1342 aus Italien, 1492 und 1494 aus Spanien. Die spanischen Juden waren am zahlreichsten und haben allmählich alle andern in sich anfgesogen. Sie wohnen hauptsächlich in den Hafenstädten, sprechen spanisch und arabisch, letzteres aber nur im Verkehr mit andern, nicht unter sich. De Amicis, welcher im Jahre 1875 die italienische Gesandtschaft nach Marokko begleitete, macht über die Juden in der Hauptstadt Fes interessante Mittheilungen, die wir hier in den Haupsachen wiederholen. Er erzählt: „Heute kamen einige jüdische Frauen, um dem Gesandten irgend eine Bitte vorzutragen. Wir konnten unsere Hände kaum ihren zahllosen Küssen entziehen. Sie waren Frauen, Töchter oder Verwandte wohlhabender Kauflente; alle waren schön; sie hatten dunkle, glänzende 'Augen, weiße Hautfarbe, purpurrothe Lippen und sehr kleine Hände. Die beiden schon alten Mutter hatten nicht ein einziges graues Haar, und das Feuer der Jugend glühte noch in ihren Blicken. Sie trugen reiche und malerische Kleidung; um die Stirn ein lebhaft gefärbtes seidenes Tuch, eine Jacke von rothem Tuch mit breiten schweren Goldborten, einen über und über vergoldeten Brustlatz, einen kurzen knappen Nock von grünem Tuch mit glänzendem Besatz, einen Gürtel von blauer oder rother Seide. Sie sahen aus wie asiatische Fürstinnen, und diese Pracht bildete einen merkwürdigen Gegensatz zu ihrem demüthigen und scheuen Benehmen. Sie sprachen spanisch. Erst nach einigen Minuten bemerkten wir, daß sie barfuß waren und ihre gelben Pantoffel unter dem Arm trugen. Auf unsere Frage nach dem Grunde antworteten sie verwundert: Wie, ihr wißt nicht, daß wir Inden nur in unserer Milha i Ghetto) Schuhe tragen dürfen, in der mohamcdanischen Stadt aber barfuß gehen müssen? — Erst nach Aufforderung des Gesandten überwandten fic ihre Furcht und beschuhten sich. Die Juden müsien nun zwar nicht überall in der Mohamedanerstadt barfuß gehen, wohl aber in bestimmten Straßen, vor bestimmten Moscheen u. s. w., so daß die Wirkung ziemlich die gleiche ist. Dies ist übrigens nicht die einzige erniedrigende Vorschrift, der sie unterworfen sind; sie dürfen z. V. auch nicht vor Gericht zeugen, und müsien in demüthiger Hockstellung zum Richter sprechen; sie dürfen ferner außerhalb ihres Viertels keinen Grundbesitz haben und dürfen nicht, auf Pferden durch die Stadt reiten. Sie dürfen sich auch nicht gegen einen Muselmann vertheidigen, ausgenommen in ihrem eignen Hause. Sie müssen ihre Tobten im Lauf zu Grabe tragen; die Männer müssen sich dunkel kleiden; zur Verheirathung bedürfen sie der Genehmigung des Sultans. Mit Sonnenuntergang müssen sie sich in ihre Milha zurückziehen, deren arabischen Thor- - Wächter sie bezahlen. An den vier großen Festen des Islam sowie bei jeder Gekurt und Heirath im kaiserlichen Hanse müssen sie reiche Geschenke darbringen. Vor der Negierung des Sultans Abd er-Nahmnn war die Lage der Juden noch schlimmer; dieser verbot wenigstens, sie in Masse und ohne Grnnd zu tödten. Nebrigens könnten bei der gegenwärtige» Lage der Dinge die Sultane selbst, wenn sie wollten, das Loos der Juden kaum wesentlich verbessern, denn der Haß und Fanatismus ihrer eignen Unter-

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