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Der Israelit · 1885-03-26 · Heft 24 (26.3.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 24 (26.3.1885)
Date
1885-03-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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403 merung wegen der Mann am Tische das Buch bei Seite legte. Da schlich die Frau mit dem Kinde im Arme hinter den Großvaterstuhl und winkte dem Kinde, mit bedeutsamem Blick auf das prächtige, goldgestickte Käppchen. Sie mufcte sich diese Neckerei schon öfter erlaubt haben, denn das Kind verstand sie sofort. Es neigte sich vor und ergriff mit beiden Händen die Kappe des Hausherrn und wandte sich dann jauchzend weg, als wolle es den Raub verstecken, und als Maibaum ihm lächelnd mit dem Finger drohte, da jauchzte es noch lauter, und Mann und Frau lachten mit ihm fü herzlich, wie sie sonst nur im Kreise ihrer Enkel zu lachen pflegten. „Man wird ordentlich wieder jung, wenn man so'n Kleines um sich hat," sagte die Frau, indem sie es zärtlich an sich drückte. „Mir scheint, cs wäre Dir gar nicht recht, wenn die Verwandten das Kind znrückfordern würden," entgegnete Maibaum. „Und möchtest Du es denn misten, das liebe, schöne Kind?" Er zuckte lächelnd die Achseln. „Und wie gefcheidt es ist," fuhr sie fort, „sieh nur, wie es Alles versteht. Setze dem Vater die Kappe wieder auf," gebot sie und winkte dem Kinde. Und der folgsame Kleine bemühte sich sofort, dem ihm sich zuneigerldeu Maibaum die ihm entrissene Kopfbedeckung wieder ausznstülpen. Dieser küsste zärtlich die kleinen, runden Hände. „Du hast Recht, es ist ein kluges, liebes Bübchen, und wenn es sein könnte, möchte ich es auch für immer behalten. Aber lueitii die Anverwandten es fordern würden —" „Sie werden es doch nicht — schon vier Wochen lang steht es in den Zeitungen, und es hat sich noch Keiner gemeldet. Es werden vermnthlich gar keine Verwandten da sein. Die Mutter war allein, war höchst wahrscheinlich Wittwe. Also, wer sollte sich da um das Kind kümmern?" „Es können doch noch andere Verwandte vorhanden sein, die berechtigt wären, es zu fordern." „Keine würden es so lieb haben, wie wir es haben,- sie sollen es uns nur lassen, das wäre das Allerbeste. Meinst Du nicht?" Maibaum zuckte abermals die Achseln. „Ob es im Interesse des Kindes wünschenswertwäre, das wage ich in der That nicht zu entscheiden. Zwar würden wir es hegen und pflegen, als wäre es unser leibliches Kind und würden uns bemühen, es zu einem wackern, frommen Inden heranznbilden. Aber unsere Mittet sind beschränkt, sehr beschränkt —" „O, wir würden schon genug haben für unser herziges Bübchen — gelt Bübchen?" und wiederum drückte sie es au sich, „cs wird schon satt werden." „Davon ist nicht die Rede," entgegnete ihr Gatte bedächtig, „wenn ich unsere beschränkten Verhältnisse hervorhob, so wollte ich damit nur sagen, das; der Kleine in weit bessern Verhältnissen geboren zu sein scheint." „Meinst Du?" fragte sie gedehnt. „Ganz gewiß," erwiderte er entschieden. „Die Kleidung der Unglücklichen schien zwar einfach, aber Du selbst hast darauf mich aufmerksam gemacht, das; ihr Mantel von schwerer Seide war. Und dann das Medaillon, welches das Kind in der Hand gehalten —" ,,Es ist wahr," fiel Frau Maibaum ein, „das Medaillon ist sehr kostbar; ich habe es neulich dem Veit Grünfeld gezeigt, und der hat gesagt, es wäre über hundert Gulden Werth. Und Du weißt, Veit versteht dergleichen. Es sind echte Diamanten daran. Es ist wirklich merkwürdig, wie das Kind das so viele Stunden gehalten hat. Wahrscheinlich hat es die Mutter an einer goldenen Kette um den Hals getragen, und das Kind, das sic aus dem Schooße gehalten, wird damit gespielt haben, llnd als daS lluglück geschehen, ist das Kind ihr vom Schooße gefallen, aber das Medaillon hat es noch in der Hand gehalten, und dadurch ist die Kette zerrissen; es hängt nämlich noch ein Stück davon an dem Medaillon. Erst, als wir nach Hanse gekommen sind, und ich das Kind zu Bette gebracht habe, da habe ich es erst bemerkt. Das Bild in dem Medaillon wird vermnthlich der verstorbene Vater des Kindes sein." „Wie Du so bestimmt sagst, das; er todt ist. Vielleicht lebt er und ist frisch und gesund und wird demnächst kommen um sein Kind zu holen." „Davor soll uns Gott behüten!" „Pfui, Alte, pfui! wer wird so egoistisch sein!" „Ich bin nicht egoistisch. Aber was wahr ist, das darf mau auch sagen. Und wahr ist's, das; das Kind es nirgends so gut haben wird, wie bei uns." „Mag sein. Trotzdem, wenn es zurückverlangt werden würde...." „Ach, es wird ja nicht. Sprich nur nicht immer davon. - Und wenn Du aber noch glaubst, daß es für das Kind besser wäre, wenn es zu seinen Verwandten kommen würde, dann mutz ich Dir doch sagen, daß das noch sehr die Frage ist. Bedenke nur, seine arme Mutter muß eine brave Frau gewesen sein, denn ihre größte Sorge war.

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