Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-03-16 · Heft 21 (16.3.1885) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 21 (16.3.1885)
Date
1885-03-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449525--21831-2511426
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

346 geistessprühend, gelehrt und fleißig, der französischen Sprache ebenso mächtig wie der deutschen, hätten sich ihm in Frankreich die Pforten der Ruhmeshalle weit geöffnet. Statt dessen kehrte er nach Deutschland zurück, nm sich, ohne Aussicht auf Belohnung oder Auszeichnung, in uneigennützigster Weise dem Dienste des Vaterlandes zu widmen. All das Große, was er geleistet, zu schildern, ist hier nicht der Ort. So lange seine Ueberzeugung mit der des leitenden Staatsmannes übereinstimmte, förderte er dessen Pläne und Absichten. Sobald jedoch die Ansichten auseinandergingen, trat er unerschrocken und unentwegt für das ein, was er für gut und recht erkannt hatte. Wann aber hätte jemals Ludwig Bauiberger als Politiker die Sonderinteressen des Jndenthnms befördert? Wir sind seit vielen Jahren seinem politischen Wirken mit der größen Aufmerksamkeit gefolgt und haben nicht ein einziges Moment herausgefunden. das zu solchem Vorwürfe auch nur den geringsten Anlaß gäbe. Herr von Hartmann entblödet sich nicht, alles erdenkliche Schlechte von der Partei zu sagen, der die hervorragendsten Inden im Parlamente angehören und angehörten, von den Deutschfreisinnigen nämlich.' Aber die Männer jüdischen Stammes dieser Partei kommen bei ihm nur ein Erkleckliches schlechter weg als die andern. Er schreibt: .Der Unterschied zwischen dem abslracren politischen Idealist rnns der deutschen 1'iberalen und den Inden war nur der, daß rrsterr in dem guten Glauben handelten, mit dieser Parteistellung die Interessen der deutschen Nation zu wahren, letztere aber in dem Bewußtsein, durch diesen Anschluß die Interessen des Inden ihums anl beiten zu fördern."' Mit welchen Schrullen der Kopf dieses Philosophen angefüllt ist, mag aus der sonderbaren Behauptung erkannt werden, daß der doktrinäre Liberalismus, d. h. der der Deutschfreisinnigen, künstlich durch englische Agitation mit englischem Gelde genährt worden sei, um durch den blinden Glauben an die Wahrheit der Freihandelsdoctrine die Continentvölker zu willigen Ausbeutungsobjekten der englischen Handelspolitik zu machen!!! Es ist ganz merkwürdig, wie dieser Philosoph den Juden unwahre Dinge uachsagt und die Thatsacheu geradezu ans den Kopf stellt. Er schreibt: „1*3 ist den Juden gelungen, die Gegensätze, welche zwischen jeder ßaatsinännisch besonnenen, monarchischen .'Negierung und diesem doktrinären, krupto republikanischen Liberalismus bestehen uiußtrn, diS zu einem Grade zu verschärft» und;u verbittern, welcher der Nachwelt als einrS der wunderbarsten historischen Probleme erscheinen wird. Indem die Jude» sich;u einer tonangebenden Rolle innerhalb des Liberalismus ausschwangen, ist es wesemlich ihnen zuzuschreiben, daß dir Versöhnung zwischen der preußischen Regierung und der liberalen Parier nach dem Jahre 1866 nur eine Halde war." So viele Worte, so viele Unwahrheiten! Gerade Eduard Laskcr war es, welcher sich 1866 von seinen bisherigen politischen Freunden lossagte, um voll und ganz der Politik des Reichskanzlers zuzustimme» und dessen Pläne zu fördern. Er wurde einer der VHUiptqvünber der uationalliberalen Partei, welche länger als ein Jahrzehnt diejenige Partei im Parlamente war, aus welche die Politik unseres großen Staatsmannes sich stützte. (Schluß folgt.) Aas Archeit der poilMammer des AMliatlonshofts in Bern irvev das Srhnchkrn. Kritisch beleuchtet von Rabbiner Dr. Ehrmann in Trier.') Läge es nicht schwarz ans weiß vor, man würde es nicht auszusprechen wagen, daß im Namen des Gesetzes in unserer Zeit, in der freien Schweiz, ein Urtheil gefällt und mit Motiven hätte begleitet werden können, wie es diejenigen sind, durch welche der Appellations- und Eassationshof des Eantons Bern am ll. Oktober 1884 zwei Israeliten zu Langenthal in eine Geldstrafe verurtheilt hat, weil sie das Verbrechen begangen haben, eine Kuh zu schachten! Daß jede Begründung eines so unerhörten Urtheils ihre schwachen, bedenklichen und anfechtbaren Seiten haben werde, war allerdings voraus zu sehen. Aber eine Motkvirung wie die thatsächlich erfolgte, in welcher fast jeder einzelne Satz nicht etwa discutirbare, sondern der aller Welt bekannten Wahrheit vollständig entgegengesetzte Behauptungen aufftellte, um durch entstellte und geradezu unwahre Voraussetzungen, durch Jgnorirung unleugbarer, offenkundiger Thatsachen für diese Bernrtheilnng einen dürftigen Schein von Recht zu gewinnen; diese unerhörte Nngeheuerlicheit muß von jedem mit der vorwnrfigen Frage Vertrauten, als ein Attentat auf die Majestät des Gesetzes empfunden werden, dessen Bedeutsamkeit weit über die Grenzen der Eidgenossenschaft hinausragt, und die nur um so verhängnißvoller durch den Umstand wird, daß der ganze Eharakter des Gerichtshofs hinlänglich dafür bürgt, daß seine Mitglieder sicherlich bona fule gehandelt haben, indem sie diese tief in die religiösen und bürgerlichen Verhältnisse einschneidende Verurtheilung und Begründung aussprachen. 1) Aus den Aushängebogen der demnächst erscheinenden größeren Schrift des Verfassers: «Thierschütz »nd Men sch ent ratz" (I. Kaufmann, Iranksurt a. M.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.