Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-03-09 · Heft 19 (9.3.1885) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 19 (9.3.1885)
Date
1885-03-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449523--21796-2511389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXVI. Jahrgang. Beilage ju Nr. 19 des Israelis Zeitnugsnachrichten nnd Correspondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M. An Stelle des verstorbenen Professors Dr. Lucae wurde der außerordentliche Professor an der Universität Leipzig, Dr. Weigert, als Docent am Senckcnberg'scheu Institut dahier berufen. Lei dem ihm zu Ehren veranstalteten Abschiedskommers sprach der Leipziger Pathologe, Geheimerath Professor Dr. Wagner, sein lebhaftes Bedauern darüber ans, daß die medizinische Fakultät in Leipzig in Prof. Dr. Weigert „einen zu den Berühmtheiten" zählenden Forscher verliere. Der Grund, warum sie ihn verlieren mußte, ist, daß derselbe die ihm gestellte Bedingung, sich vor seiner Ernennung zum ordentlichen Professor taufen zu lasten, nicht zu erfüllen bereit war. Seine Berufung an das Senckenberg'sche Institut ist um so bedeutungsvoller , wenn man erwägt, daß dasselbe ursprünglich eine christliche Stiftung war nnd bis vor wenigen Jahren der Eintritt von Juden ans diesem Grunde überhaupt nicht gestattet lvurde. Fürstenwalde (Spree). Dem ersten Jahrcsberichie des Vereins „Freunde der Taubstummen" (Jedide Umiin) für bas Verwaltnngsjahr 1884 entnehmen wir: Der Verein „Freunde der Taubstummen (.76d!d« Ilmim)" hat nunmehr das erste Jahr seines Bestehens hinter sich, nnd hoffnnngssreudig über das allgemeine Interesse , das sich durch die Mitgliedschaft von nahezu 600 Menschenfreunden bekundet, tritt er in das zlveite ein. Einige Monate nach Eonstitnirung unseres Vereins waren wir bereits in der Lage, 2 Freistellen in dem hier seit dem 75. Juli 1876 bestehenden jüdischen Taubftummen-Jnstktute zn begründen und außerdem für ein elternloses Lind einen Verpflegungsnnd Erzichnngszuschnß zu gewähren. So erfreulich auch die erzielten Fortschritte sind, so bleibt uns noch viel zu thun übrig. Zur Verwirklichung unserer Bestrebungen bedarf es der kräftigen fortdauernden Mithilfe edeldenkender Menschen. Noch immer sehen wir eine große Anzahl taubstummer Linder ohne Unterricht heranwachsen, so väterlich auch die Regierungen für diese Bcdanernswerthcu zu sorgen bestrebt sind. Wir haben nach den neueren statistischen Berichten in Deutschland überhaupt 69000 Taubstumme , von denen etwa 7800 im schnlpslichtigeu (zwischen dem 7. und 15. Lebensjahr) stehen. Es werden aber in den 95 Tanbstummcn-Anstalten nur 5629 ansgebildct, demnach bleiben noch über 2000 ohne jeglichen Unterricht. Wenn auch ein Vergleich vorstehender Zahlen mit der Statistik ans dem Jahre 1871 eine bedeutende Verbesserung der Tanbstnmmenerziehung erweist, so ist dennoch das dringende Bedürfnis; nach Vermehrung der Anstalten vorhanden. Von unseren christlichen Mitbürgern wird diesem Bedürfnisse durch Errichtung neuer Taubstummen - Anstalten immer mehr und mehr Rechnung getragen. Für jüdische Taubstumme aber ist bisher in Deutschland noch viel zn wenig geschehen. Auch wir Juden, die tvir ja stets bereit find, Bildung und Erziehung zu fördern, Unglücklichen zu helfen, wollen uns auch unserer hilfsbedürftigen Taubstummen annehmen. Leider ist dieses Gebrechen an Gehör nnd Sprache unter uns Inden unverhältnißmäßig stark verbreitet. Es leben in Deutschland etwa 790 jüdische Taubstummen, von denen 140 im schulpflichtigen Atter stehen. Ein großer Theil dieser Bcdanernswerthcu bleibt ohne Unterricht und zlveckenlsprccheude Erziehung, weil es theils die pekuniären und lokalen Verhältnisse vieler jüdischen Eltern nicht gestatten, ihre leidenden Linder erziehen und unterrichten zu lassen, theils aber auch, weil Viele Bedenken tragen, sic den christlichen Anstalten zn übergeben, wo möglicher Weise die Kinder in Widerspruch mit ihrer häuslichen Umgebung gesetzt und Eltern und Angehörigen entfremdet werden könnten. Von den uns angemeldeten 22 armen Lindern mußten leider 19 zurückgewiesen tverden, weil unsere Mittel nicht ansreichen, dem Bedürfnssc Abhilfe zu zn schaffen. Darum, edle Menschenfreunde, helfen Sie lveiter bauen au dem Werke wahrer Nächstenliebe. Es gilt hier, sinnige, aufmerksam beobachtende, für jede erwiesene Wohlthat außerordentlich dankbare Geschöpfe zn brauchbaren Gliedern der Gesellschaft heranzubilden: sie ansznrüsten mit einer möglichst verstand-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.