Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 15 (23.2.1885)
- Date
- 1885-02-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. M 15. * 111 Kentrat - Hrgan für das ortkodore Iudentkmn. Heransgegeben von I)r. Lehmann in Mainz. Montag, den 21. Februar 5645 (1885). Lritender Artikel. 3ttm '2‘urtmffflf. ~ i. Mainz, 20. Februar. Wir haben in den jüngst verflossenen Wochen die Anklagen eines hervorragenden Philosophen gegen Inden und Judenthum unfern geehrten Lesern vorgcführt. Diese Anklagen sind alt, uralt. Schon vor Jahrtausenden wurden sie, fast mit denselben Worten, von hervorragender Seite zu Tage gefordert. Vor ungefähr 2300 Jahren hat der' mächtige Minister eines großen Königs sic vorgebracht, wie die heilige Schrift uns berichtet, und vor etwa 1500 Jahren haben unsere Weisen den Eommentar dazu gemacht. Es sind immer dieselben ebenso harten wie unbegründeten Anklagen. Der große König von Persien und Medien, der 127 Länder beherrschte, hatte eine Schwelgerei veranstaltet, welche länger als ein halbes Jahr währte und einen Ausgang mit Schrecken nahm. Die schöne Gemahlin des Königs fällt den Jntriguen eines Höflings, Memuchan oder Haman, zum Opfer, der zugleich die Schranken der königlichen Macht beseitigt und die absolute Gewalt einführt. Dafür ist ihm der König dankbar und stellt ihn an die Spitze seines Reiches, zugleich gebietend, daß diesem mächtigen Diener göttliche Ehren erwiesen werden sollen. Ein Jude, Mordechai, weigert sich, vor einem Menschen uiederzuknien und ihn anzubeten. Diese Weigerung erfüllt Haman mit Wnth, nicht nur gegen Mordechai, sondern gegen alle Inden. Es ist ja die alte Geschichte, daß alle Inden für das Thun eines Einzelnen verantwortlich gemacht werden! Haman geht zum Könige und spricht: ■?rr D-cyn inco ,inx oy ,wsr Tn pso Dy *?rc ronsr anTro P15"12 ■?y dn cn>:n'? nm' a^riy orx -^on *pr -irr d'Q?x mtryi Dirx*? rnr' ria : -pan ’wj *rrrP nr*Ocn nmy?y „Da ist ein Volk, zerstreut und versprengt unter die Völker, durch alle Landschaften Deines Königreichs, deren Gesetze unterschieden sind, von denen jeglichen Volkes, aber nach den Gesetzen des Königs thun sie nicht, und dem König bringt es nichts ein, wenn er sie läßt. Wenn es dem Könige gefällt, werde ausgeschrieben, sie zu vernichten, und zehntausend Kickar Silber, will ich darwägen in die Hände der Schaffner, sie zu bringen in die Schatzkammer des Königs." inx Dy im", „da ist ein Volk, welches sich für das einzige, für das anscrwähltc Volk hält." Es ist die alte Anklage HamanS, die wir heute noch tagtäglich hören müssen. Es wird uns als Hochmnth, als Ucbermuth, als Größenwahn ansgelegt, daß wir uns für das von Gott auscrwählte Volk halten. — Wie thöricht ist doch diese Anklage! Nicht allein der gläubige Ehrist, dem die Bibel das Wort Gottes, nicht allein der gläubige Mohamedaner, sondern jeder Mensch, dem die Weltgeschichte nicht ganz unbekannt ist, muß doch zugestehen, daß Gott uns erwählt hat ans allen Völkern, uns erhoben hat zu Seinem Volke und uns seit Jahrtausenden in wunderbarer Weise führt, schützt und rettet. Sollen wir die Wahrheit verleugnen? Sollen wir den Kern unseres Wesens hinwegwerfen. unsere Krone in den Staub treten? Wir können es nicht. Selbst wenn ein Geschlecht erstände, das so feig und charakterlos wäre, die unendlichen Schatze unseres geistigen Lebens aus Furcht vor dem Toben der Völker oder ans Gier nach irdischem Tande hingeben zu wollen -- es vermöchte es nicht. Der allmächige Gott läßt uns nicht los, nachdem Er Seinen heiligen Namen mit uns vereint hat.