Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 14 (19.2.1885)
- Date
- 1885-02-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Budapest, den 17. Februar. Die neue Resormgcmcindc, von deren Begründung ich Ihnen neulich berichtete, hat, wie vertäutet, keine Aussicht, von der ungarischen Regierung anerkannt zu werden. — Herr Moritz Zsengcry erklärte in öffentlichen Blättern, daß er wider seinen Willen in das (Soutite der erwähnten Rcformgcmcinde gewählt worden sei, und ermahnt die ungarischen Israeliten, keine neuen Spaltungen hervorzurufen. R u m ä n i c n. Bacau. Auf den hiesigen Rabbiner wurde, als er znm Fenster hinansschante, geschossen: glücklicherweise ging der Schuß nebenaus. Der Rabbiner machte bei der zuständigen Behörde die Anzeige; aber diese hatte keinerlei Schritte unternommen, um den Attentäter zu ergreifen und zu bestrafen. Holl a n d. In Amsterdam starb vor Kurzem L. I*. Das, der letzte jüdische Beterane, welcher bei Waterloo gegen Napoleon gekämpft hat. Die Bevölkerung bereitete ihm ein imposantes Leichenbcgängniß. R u ß l a n d. Unter dem Schlagwortc „Die Juden in Russisch- Polen" bringt die Monatsschrift: „Ans allen Welttheilen" einen Aufsatz, in welchem über die Inden Russisch-Polens unter Anderem Folgendes gesagt wird: Der polnische Jude ist in seiner Familie und in der Gemeinde ein Bürger im vollsten Sinne des Wortes. Sein ganzes Trachten ist darauf gerichtet, einen geachteten Platz in der Gesellschaft, das ist in seiner Gemeinde, einzunchmcn. Diese Gemeinde ist seine Hcimath, was außerhalb derselben — wenn auch noch so nahe — liegt, ist für ihn „Ausland". Sein ganzes Streben ist darauf gerichtet, innerhalb der Gemeinde „Bechöwod" zu sein. Dieses hebräische Wort heißt zu deutsch „in Ehren," eigentlich aber „in Ansehen stehend." Als ehrlos gilt dem polnischen Israeliten in erster Reihe jede Bestrafung durch das Gericht, jede Verletzung des Schamgefühls und jedes Vergehen gegen die Religion. Um „Bechöwod" zu sein, darf man auch nicht arm sein. Wenn Armuth auch keine Schande ist, so hindert sie doch daran, „Bechüwod" zu leben. Ucbrigens gibt eS auch Mchtjnden, die so denken." Nach einer Schilderung der Leiden und Freuden der polnischen Juden schließt der Aufsatz mit folgenden Worten: „Mit großer Innigkeit hängt der polnische Jude an seinem Glauben und mit nicht geringerer an seiner Familie, zumal die Eltern an den Kindern. Für diese unterzieht er sich freiwillig den größten Entbehrungen und Beschwerden. Bei Gefahren, welche diese bedrohen, besitzt er jenen Muth, der ihm, wo cs die eigene Bertheidignug gälte, mangeln würde. Andererseits aber zeigen mich die Kinder eine große Lerchrnng und Liebe für ihre Eltern, die sie, wenn sie in Roth gerathe», willigst nach all' ihren Kräften, ja selbst über diese hinaus, unterstützen. Auch die Geschwister hegen viel Liebe für einander. Wie aber diese wcrkrhätigc Familicnlicbc, ist auch ihre große Mildthätigkcit ein schöner Zug im Charakter der polnischen Israeliten; und dies um so mehr, als sic bei der Spendung ihrer Wohlthaten, trotz des oft unmenschlichen Benehmens der Christen gegen sic, keinen Unterschied in der l5onfessio» machen. Die Mehrzahl der jüdischen Gemeinden in Russisch- Polen und Äthanen befindet sich in gedrückten Verhältnissen. Dennoch ist keine einzige Gemeinde ohne ein Krankenhaus, keine ohne ein „Lehrhans", dessen Besucher auf Kosten der Gemeinde unterrichtet und erhalten werden. Die Beispiele, daß Leute jahrein, jahraus den vierten, ja selbst den dritten Thcil ihres Ginkommens zu wohlthätigen Zwecken verwenden, sind unter den wohlhabenderen Israeliten der Weichselländer durchaus nicht selten. Somit fehlt cS dem Gharattcr derselben durchaus nicht an Zügen, welche geeignet sind, uns mit anderen Eigenschaften der polnischen Inden wieder anSzusöhnen. Werden dieselben einst in den vollen Genuß der staatsbürgerlichen Rechte eingesetzt sein, so wird sicher so manches schwinden, was uns heute noch von den polnischen Inden abstößt. Hoffentlich ist diese Zeit eine nicht mehr ferne." Eine jüngst bekannt gewordene MeinnngSänßernng des Ministers des Innern wird von allen russischen Inden mit Befriedigung anfgenommen werden. Die judenfeindlich gesinnte Stadtbehörde von Kursk ersuchte den Gouverneur, eine Kommission zn ernennen, welche prüfen sollte, ob die Inden daS Riederlaffnngsrccht in K. haben oder nicht. Vom Gouverneur streng znrückgewiescn, wandten sie sich an den Minister des Innern, Grafen Tolstoi, welcher dem Gesuch ebenfalls seine Genehmigung versagte, indem er anSsnhrte, daß solange die unter dem Grafen Pahlcn tagende Jndencommission die ihr vorgelegten Fragen nicht entschieden hat, dürften keinerlei neue in Bezug auf das Niederlasfnngsrecht der Juden im Innern des Landes auf-