Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 13 (16.2.1885)
- Date
- 1885-02-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXVI. Jahrgang. Beilage ju Nr. 13 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. Ter hohe Rabbi Löw und sein Sagenkreis von Rabbi Tr. Nathan Grün. Prag issr>. Verlag von Jakob Brand eis. (5s ist häufig das Schicksal großer Männer, daß sich die Sage ihrer bemächtigt und einen Mythenkranz um ihr Haupt webt, wodurch sic im Andenken des Volkes fortleben. Nicht selten aber wird dadurch das eigentliche Wirken dieser Männer, ihre dauernden Leistungen auf dem Gebiete ihrer Schasfensthätigkeit in Schatten gestellt. Denn das Volk hat weniger Sinn für die stille, geräuschlose Gclehrtenarbeit, die der Fantasie wenig Nahrung bietet, und klammert sich mit Vorliebe an auffallende Begebenheiten, Wunderdinge und Märchen, die der naiven Gläubigkeit der Menge und ihrer Wundersucht entgegcnkommt. Aufgabe der objektiven Geschichtsforschung ist es aber, unbekümmert um die nebelhaften Einkleidungen der Sage, das Bild des Helden, wie er in der Wirklichkeit dastand, zu behandeln und darzustellen. Veranlassung zu dieser Betrachtung bietet das im Eingänge genannte Schriftchen, welches einen der gefeiertsten Helden der Sage behandelt. Der berühmte Prager Qbcrrabbincr, der hohe Rabbi Lob, ist ein besonderer Liebling der Sage, sie hat sich seiner mit großer Vorliebe bemächtigt und sein Leben mit besonders wunderbaren Zügen ausgestattet, die, früher wenigstens, jedem jüdischen .(linde geläufig waren, so daß es die Geschichte vom „Golem" noch eher wußte, bevor cs von der Existenz einer Stadt Namens Prag eine Ahnung hatte. Dagegen aber waren die wirklichen Lebensschicksale unseres Helden, sein Geburtsort und die Stätten seiner Wirksamkeit, seine Lebensschicksale und sein Familienleben in ein theilweise undurchdringliches Dunkel gehüllt, das selbst seine Biographen nicht zu erhellen vermochten. In der vorliegenden Schrift erhalten wir zum ersten Male eine aus gründlicher Forschung aufgebante, ans historischen Quellenstudien sich stützende Biographie dieses bedeutenden Mannes, der von seinen Zeitgenossen und noch mehr von der Nachwelt so sehr gefeiert wurde. Wir erhalten in dieser Schrift ganz neue Ergebnisse, die die Annahme aller bisheriger Forscher aus diesem Gebiete gründlich umgestalten, theilweise zu ganz neuen Resultaten führen, die aber dennoch auf strenger, logischer und kritisch-historischer Beweisführung sich gründen, llm nur ein Beispiel anzuführen, erlvähnen wir, daß man bis jetzt allgemein annahm, daß R. Lowe ben Bezalel, wie sich der hohe R. Liib nannte, in 'Worms geboren sei. Herr Dr. Grün weist aber unwiderleglich nach, daß sein Geburtsort die Stadt Posen gelvesen ist. Die Behauptung Rappaport's (Vorrede in Liebens Galed I. II.) daß R. Löwe sich nicht mit kabbalistischen Studien beschäftigt hat, widerlegt Dr. Grün durch Eitate aus seinen eigenen Werken. Das unentwirrbare Durcheinander in der Amtswirksamkeit des R. Löwe, da wir ihn bald als Landrabbiner in Mähren, bald in Prag , bald als Landesrabbiner in Posen finden, löst sich nnter der Hand seines neuesten Biographen zur vollständigen Klarheit ans, indem derselbe nachweist, daß unser Held zuerst in Mähren 20 Jahre als Landesrabbiner fungirte, dann, in Folge von Streitigkeiten und der um diese Zeit ausgebrochenen Judenverfolgungen lü70 nach Prag übersiedeltc, wo er Anverwandte hatte, und dort als Privatgclchrtcr in vielfach segensreicher und fruchtbarer Thätkgkekt lebte. Bon da ging er um ir>84 nach Posen und übernahm daselbst das Rabbinat, welches er vier Jahre lang verwaltete. Jni Jahre i:>ss folgte er einem Rufe nach Prag, ohne jedoch förmlich daselbst das Qberrabbinat zu übernehmen. In diesen Zeitraum fällt die großes Aufsehen erregende Audienz, welche er am 20. Febr. 1502 bei Kaiser Rudolf hatte, lieber den Inhalt dieser Unterredung sind wir nicht genau unterrichtet, aber Dr. Grün verumthet mit Recht, „das; es sich um die von Kaiser Rudolf mit größtem Eifer betriebene Alchnmic oder die geheiine Knust des Goldmachens gehandelt hat." Zwei Monate nach dieser Audienz, am 4 Jjar, verließ Rabbi Löwe wieder Prag, um in Posen die Stelle eines Landesrabbiners über ganz Großpolen zu übernehmen. Diese Abreise kann aber nicht, wie Gräv meint, als eine Flucht aus Prag, in Folge der kaiserlichen Audienz angesehen werden, denn dann hätte er gewiß nicht, wie unser Biograph mit Recht bemerkt, zwei Monate gewartet bis sich ihm eine ehrenvolle Stelle bot. Hier wirkte er bis