Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 13 (16.2.1885)
- Date
- 1885-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. j\ö 1H. Kenlrak - Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Heransgcgebcn von 11>. Lehmann in Mainz. Montag, den 1«. Februar 5645 (1885). Leitende Artikel. Das Iudi'iitHttm in Gegenwart und Zukunft. (Von Eduard v. Hartmann.) VI. Mainz, irr. Februar. In Bezug ans den Handel, im Großen und im kleinen, hat Herr von H. so sonderbare Anschanuugeu, daß man sie unr zu wiederholen braucht, um das Absurde derselben klarznlegcn. Wir wollen hier einige Beispiele geben. Herr von H. schreibt: „Ter Handel ist stets darauf erpicht, den Völkern Bedürfnisse anzngcwöhneu, die sie noch gar nicht haben, um an ihrer Befriedigung zu verdienen; ob diese Bedürfnisse und ihre Befriedigung den Völkern zum Heil oder Unheil gereichen, kümmert ihn nicht." Und ferner: „Wie viel zufriedener würde das deutsche Volk leben, wenn cs die Produkte überseeischer Lander nie kennen gelernt hätte!" Endlich: „Der Handel vergeudet Unsummen auf Transportkosten, blos um die naturgemäße Lösung der Fragen zu verhindern, oder doch hinausznschieben; er schleppt z. L. die Baumwolle von Indien nach England, von Nordamerika nach Sachsen, und schleppt die Gewebe aus derselben Baumwolle von England nach Indien, von Sachsen nach Amerika zurück, ohne eine andere Wirkung, als daß er die englischen und schlesischen Baumwollcnspinner hindert, nach Indien und Amerika zu gehen und die dort befindliche Baumwolle zu spinnen und zu weben." Unsere geehrten Leser werden mit uns darin übereinstimmcn, daß es unschwer ist cinzuschen, daß Herr vou H. über Dinge schreibt, deren Verftändniß ihm vollständig äbgeht. Der Handel ist einer der wichtigsten und bedeutendsten Faktoren der menschlichen Thätigkcit. Er ist es, der den Produkten des Ackerbaues und der Industrie erst den rechten Werth verleiht. Ein Volk ans die Produkte des eigenen Landes zu beschränken und es von dem internationalen Verkehr ansschließen zu wollen, hieße cs, in Barbarei und Rohheit znrückzuverseven. Der Handel ist es, der die Völker einander näher bringt und sie zum Wettkampfe in den Werken des Friedens auspornl. Er ist es, der ein einigendes Band schlingt nm die verschiedenen Völkerfamilien der ganzen Erde. Wie er dem Ackerbau, der Industrie, den Künsten und den Wissenschaften dient, so stehen sic al^-wicdernin in seinem Dienste. In früheren Jahren — cs ist noch nicht so lange her, wir erinnern nur an 1817 und 1847 — herrschte bald in dem einen, bald in dem andern Theile Europas Hnngersnoth. Die ungeheuren Fortschritte, die der Handel und der ihm dienende Transport in den ledtverflosseuen Jahrzehnten gemacht hat, läßt eine solche nicht mehr anfkommen. Durch partiellen Mißwachs können die Kornpreise nicht mehr zu unerschwinglicher Höhe getrieben werden. Ter Handel sorgt dafür, daß der Mangel des einen Landes durch den Ueberfluß des andern ausgeglichen werde. Bor wenigen Jahrzehnten war Ungarn ein Land, das in den meisten Jahren seinen Ueberflnß vernichten mußte. Da cs an Verkehrswegen fehlte und vom Handel kaum die Rede war, so sah sich der Landmann -gezwungen, bei reichen Ernten den Ueberfluß des vorigen Jahres in die Erde zu vergraben, den Wein auslaufen zu lassen, um die Fässer mit den Ergebnissen der neuen Ernte zu füllen. Trat aber einige Jahre nach einander Mißwachs ein, so raffte der Hunger einen Thcil der Bevölkerung dahin. Ja, cs kam vor, daß in einer Gegend desselben Landes der Ueberfluß nicht verzehrt werden konnte, während man in einer andern Gegend darbte. Heute haben diese trüben Verhältnisse voll