Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 12 (12.2.1885)
- Date
- 1885-02-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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190 werden, wie einer der von fürstlichen oder gräflichen Eltern geboren ist? Napoleon selbst soll gesagt haben: In meiner Armee trägt jeder Soldat den Marschallftab in seinem Tornister. Sapperlot, da geht man doch mit ganz anderem Eifer zum Kampfe! Darin glaub' ich, liegt die Unbesiegbarkeit der französischen Armee, deshalb muß sich die ganze Welt gegen den einzigen Mann vereinigen, um ihn niederzuwersen! Unsere Armee ist tapfer, das muß uns Freund und Feind einraumen, unsere Soldaten gehen in den Kampf wie zum Tanz und schlagen sich mit solcher Lust, wie wenn's eine Wirthshansrauferei war' — aber wenn es einmal dazu kommt, daß bei uns in der Armee, Geburt und Adel keinen Vorzug verleihen, dann würde das österreichische Heer' unter seinen großen Feldherrn Schwarzenberg und Erzherzog Karl Wunder der Tapferkeit verrichten." David Anritz war ein hell und richtig denkender Mensch und im normalen Zustande hätte er der Meinung des Wachtmeisters Wcrnhard beigepflichtet, wenn er vielleicht auch dieselbe ans Klugheit nicht ausgesprochen hätte, aber jetzt befand er sich in einem Rausche von Wonucseligkeit, der Monarch hatte durch sein kaiserliches Machtwort alle seine Verhältnisse mit märchenhafter Plötzlichkeit zu seinem und der Seinen Gunsten geändert, sein Herz überquoll von Dankbarkeit gegen den Spender dieser Huld, und auch der gerechteste Tadel desselben fiel in dem Augenblicke bei ihm auf unfruchtbaren Boden. „Ich Hab Dir's ja gesagt," erwiederte er nach kurzer Pause, während welcher Wachtmeister Wernhard trutzig die zwei Enden seines langen, hellblonden Schnurrbartes die Spitzen nach aufwärts gekehrt, emporzwirbeltc, „der Kaiser selbst hat gesagt, daß es ihm leid thnt, daß aber selbst er durch Herkommen und Verhältnisse gebunden sei .... Die Zeiten können sich ja ändern, wer weiß ob nicht einst auch in unserer Armee das Verdienst ohne Rücksicht auf Stand und Geburt volle unbeschränkte Anerkennung finden wird!" „Einst, einst!" knurrte Wachtmeister Wcrnhard höchst unzufrieden, „vielleicht in fünfzig Fahren, was? da werd' ich und meine braven Kameraden, den Teufel davon haben! da liegen vielleicht schon meine morschen Gebeine gebleicht und zerbröckelt in dem gemeinschaftlichem Grabe eines Schlachtfeldes; oder humple ich auf zwei Stelzfüßen mit kärglichem Jnvalidengehalte herum!" Auritz Eltern und seine Verlobte hatten sich so gestellt, daß sie das zwischen dem Pfarrer und dein Lieutenant geführte Gespräch vernehmen konnten. Sie fühlten sich wundersam beglückt, die letzte Befürchtung, der Oberamtmann könnte ihnen .Kränkungen und Erniedrigungen bereiten, war in unerwartetster Weise beseitigt worden und war dadurch ihre Aufmerksamkeit von dem Gefangenen abgelenkt worden. Blochner war ein weicher, warmer Gefühlsmensch, dessen Mitleid leicht geweckt wurde. Arnsberg hatte ihn an seiner empfindlichsten Stelle schwer verletzt, ihn bodenlos tief gedehmüthigt, hatte beabsichtigt sein Leben bis zur vollen Unertragbarkcit zu vergiften, - Blochner war ja doch nur ein Mensch, und bis vor Kurzem hatte er Arnsberg mit der vollen.Kraft einer erbitterten bis zum Aenßersten gereizten Menschenseele gehaßt — aber der früher gefürchtete Mann lag nun in Ketten, sein bleiches, verzerrtes Gesicht drückte die höchste Scclenpcin aus, der allmächtige Gott, der da spricht: Mein ist die Rache und Vergeltung! hatte Arnsberg gerächt, und wohl darum auch hart bestraft und Blochner fühlte Mitleid mit dem Elenden, er wandte sich von ihm ab, er wollte thun, als bemerke er ihn nicht, als hätte er ihn nicht erkannt; aber jetzt wurde seine Aufmerksamkeit von Neuem auf den Gefangenen gerichtet. Arnsberg hatte die ihm cskortirenden Dragoner mit leiser Stimme um einen Trunk Wasser gebeten, ein blutjunger Reiter, ein Rekrut, der gestern und vorgestern das Erstemal Pulver gerochen, ein gutherziger Bursch, hatte sich entschuldigt; eS sei wohl ein Brunnen in der Nähe, aber er habe kein Gesäß und auch die strenge Ordre den Gefangenen nicht einen Augenblick zu verlassen; aber die andern Dragoner, namentlich ein Gefreiter mit grauem Bart, der schon eine doppelte Kapitulation abgedient, und schon gegen die Türken gekämpft hatte, waren über die Anmaßung des Gefangenen, von dem sie wußten, daß er die verbündete Armee verrathen, diese den Franzosen ans Messer liefern wollte, im höchsten Grade erbittert. „Dieser verfluchte Bluthund, dieser Bauernschinder!" wetterte der Gefreite ziemlich laut, so daß ihn Blochner hören konnte, „glaubt noch immer Oberamtmann und Baucrnkönig zu sein! Die freche Hundescele glaubt noch immer, daß er nur zn befehlen braucht und man dann sogleich fliegt, als wenn's der Herr Generalmarschall selbst kommandirt hält' .... Ein kaiserlicher Dragoner ist nicht sein Kellner und nicht sein Diener, verstanden, Spionsseele?" Blochner bemerkte, daß der Gefangene zuerst brennend roth, dann noch weit blässer alS er zuvor gewesen, geworden, er zuckte hastig empor, daß seine .Ketten klirrten, ein Zug teuflischer Bosheit überflog