Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 11 (9.2.1885)
- Date
- 1885-02-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXVI. Jahrgang. Beilage jit Nr. 11 des Israelit. Leitende Artikel. Waulus Gaffel gegen Kofprediger Stöcker. 8. Eine neue Broschüre von Paulus Easiel *) verdient eine ganz besondere Beachtung, sowohl um ihres wissenschaftlichen Inhalts willen als wegen der Abrechnung, die der Berf. mit Herrn Stöcker hält. Der wissenschaftliche Theil behandelt die Sage von Ahasver oder dem ewigen Juden. In höchst geistreicher Weise wird die'Geschichte jener Sage beleuchtet und die Benennung jener mythischen, oder sagen wir besser, symbolischen Person, als „Ahasverns" oder alS „irrender oder ewiger Jude" erklärt. In der Einleitung, welche der wissenschaftlichen Abhandlung voraugeht, spricht Eassel sich über die antisemitische Bewegung ans, wobei der Berf. seinem Amtsbrnder Stöcker manches sagt, was von einer Schmeichelei weit entfernt ist. „Stöcker," so heißt es dort, „es thnt mir leid es zu sagen, ist für die evangelische Kirche eine v e r h ä n g n i ß vo l l c Persönlichkeit. Noch weniger um seinetwillen, wie um derer, die ihn für einen Netter hielten. Wer ihn „„gottbegnadet"" nannte, vergaß, daß Gott die Liebe ist. Wer seine Agitation für evangelisch hielt, hat seine Rede nicht mit denen des Apostels vergliche» .... Wer auf Händeklatschen und Acclamatiou angewiesen ist, bringt dem schreitustigen Publikum sein Opfer. Er beherrscht es nicht, sondern eS preßt ihm die Kraft- und Schlagwörter aus, die eigentlich nicht in seiner Absicht lagen. Wenn ein Parteimann einmal die zarten Grenzen der evangelischen Discretion überstiegen hat, dann werden ihm zum Zwecke alle Mittel gleich. Es kömmt ihm dann nur auf den momentanen Erfolg an; er nimmt dann keine Rücksicht weder auf die Wahrheit noch auf das Recht der Person; „„praktisch"" nennt man das, was gegen die Liebe ist; man scheut keine Kosten und keine Jntrigucn." Die Blutscenen u. s. w., welche die Antisemitcnbewegung veranlaßt, schreibt Eassel unverblümt auf Stöckers Eonto und fährt dann fort: „Stöcker hat Mühen *) Ahasverns. Die Sage vom ewigen Juden, i'erl. 1X85». und Anstrengungen nicht gescheut. Er hat die Nerven und den Schlaf eines Agitators. Er ist klug nnd gewandt genug — er versteht zu welchen Versammlungen er redet — bald im Lammkleid — bald im Bacchantencostüm. Da schwingt er die Palme — und anderswo die Fackel. Der redende und der gedruckte Stöcker sind natürlich zwei Personen. Agitationsreden lassen sich gar nicht drucken. Und was war das Resultat! Die sociale Frage hat er nicht gelöst, sondern verwirrt." Die Eharakterisirung der antisemitischen Bewegung nnd deren hervorragendsten Führer dient dem Berf. aber um deswillen als Einleitung zu der wissenschaftlichen Abhandlung „Ahasverns," weil er eine andere Auffassung der Symbolik dieser Legende hat, als die bisher übliche. „Ahasver ist ein Ehrist geworden; er ist getauft, er geht in die Kirche, aber der Bann bleibt auf ihm. Ahasver ist das Bild des Menschen nnd des Bölkerherzens, es mag christlich sein oder nicht; es hat keine Ruh — wenn ihm die Liebe fehlt." Da nun aber der Berf. mehrfach betont, das; dem Führer der Antisemitenbewegnng die Liebe fehle, so wissen wir auch, in welchem Zusammenhänge die llntersnchnng über den ewigen Inden mit der Eharakterzeichnung des Herrn Stöcker und seiner Anhänger steht. Dieser llntersnchnng schließt sich dann eine „Erklärung" an, in welcher die Wahrheitsliebe des Herrn Hofpredigers in einer Beleuchtung erscheint, die lms zwar nicht überrascht, da ja dessen „Ge-; dächtnißschwäche" bekannt ist, aber immerhin einen werthen Beitrag zu der Kenntnis; des Herrn bildet, den seine Anhänger einen „zweiten Luther" nenneil, ohne daran zu denken, ein wie zweifelhaftes Eompliment sie damit dem Vater der Reformation machen. Herr Stöcker hat unter dem Titel „Ehristlichsocial" einen Theil seiner in den lebten fünf Jahren gehaltenen Reden herausgegeben. Eine derselben ist gegen Prof. Vaumgartcn und den Berf. gerichtet; er beklagt sich nämlich, daß die beiden Herren „in nicht feiner Weise einige Ungenauigkeiten, die er in seiner Rede im Abgcordnetenhause begangen habe, in nnfremldlicher Weise benutzt haben," darum müsse er aber die „Unrichtigkeiten und Unwahrheiten," die in den Broschüren Banmgartens und Eassels