Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 11 (9.2.1885)
- Date
- 1885-02-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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183 Munde, und der Macht der alten Gewohnheit folgend, rissen die Männer die Mutzen von den Köpfen, während die Frauen und Mädchen tief knixtcn. Der Pfarrer war, trotzdem ihn der Anblick nicht ganz unvorbereitet fand, doch vor Schrecken purpurroth geworden. Obwohl von der schweren Schuld des Verbrechers vollkommen überzeugt, fühlte er doch mit dem edlen Naturen eigenthümlichen Mitlcide, Theilnahme für den Elenden. Er mochte nicht, daß dieser wisse, das; er ihn erkenne, er wußte nicht, wohin er seine Blicke richten solle; in seiner Verlegenheit, bloß um üch zu beschäftigen, um etwas zu thun, sprach er zu dem Lieutenant: „Wie ich leider sehe, ist cs der Oberamtmann Arnsberg, den Sie als gefährlichen Verbrecher und Landesverräther bczcichnetcn. Es ist, wie Alles auf dieser Welt als eine Gottesfügung zu betrachten, daß fein finsteres Treiben in so wundersamer Weise ans Licht kam. Wäre dies nicht geschehen, er hätte gewiß noch sein ruchloses Treiben zum Schaden des Vaterlandes und der guten Sache fortgesetzt. Daß Sie die Pflicht der Menschenliebe geübt, auf dem Schlachtfelde nach Verwundeten gesucht, hat gute Früchte getragen. Zuweilen findet die gute That schon hier auf Erden ihren Lohn. Hätten Sie nicht dem sterbenden Offizier Ihre rührende Sorgfalt erwiesen, man hätte kaum das Verbrechen entdeckt. Die wichtigen Schriften, welche Sie bei dem Todten vorfanden, haben wohl die Verhaftung des Obermanns veranlaßt V „Die Entdeckung dieser Papiere ist ja nicht mein Verdienst — die hat unser umsichtiger Regimentsarzt entdeckt; aber auch er kann die Priorität nicht für sich in 'Anspruch nehmen. Der Doktor verfügte sich sofort von Ihrem Hause zum Generalfeldmarschall, wo er sich zu einem dringenden Rapporte melden ließ, während ich mit ein paar Dragonern in's Amtshans eilte, um jedenfalls Arnsberg festzunehmen. Als der Regimcutsarzt vor den Fürsten Schwarzenberg kam, belobte dieser seine Umsicht, aber er hatte diesem nichts Neues zu berichten, man war ihm schon zuvorgekommen. Die russischen Reiter, welche den französischen Obergeneral gefangen nahmen, hatten die ihm abgcnommenen Schriften rasch in die Hände des Gcncrallissimus gelangen lassen. Außer andern wichtigen Aufzeichnungen, fand er auch mehrere Briefe dieses Haltunken," der Offizier warf einen verächtlichen Blick nach der Richtung des Wagens, „in welchen dieser, mit einer, für einen Laien gerade zn bewundernswcrthen Fachkenntniß, über Stärke und die Stellungen der verbündeten Armeen, über die Hilfsmittel der Alliirten, deren Pläne, berichtete. Was ich darüber weiß, habe ich nur in kurzen Worten von einem Regiments- Kommandanten Obersten Suck erfahren. General Heimbrodt, der in Baden geboren, wo Arnsberg früher gelebt,soll schon lange vor Ansbruch des Krieges mit ihm in Eorrefpoudcnz gestanden, von ihm Aufschlüsse über die Rüstungen erhalten, und ihn später angewiesen haben, mit dein Grafen Bandamme in direkten Verkehr zu treten. Es war ihm für seine Dienste nicht nur eine große Summe bezahlt, sondern ihm auch nach der Eroberung Böhmens eine hohe Stelle in der Eiviladministration oder in der Armee-Intendantur, zugesagt worden. Der Verräther war so innig von der Ucberzcngung durchdrungen, daß der Feind siegreich in Böhmen eindringen, namentlich Bandamme das ihm gegenüberstchcnd schwache Korps vernichten würde, daß er in den letzten Tagen alle Vorsicht außer Augen ließ, ja sogar seine letzten am Bandamme gerichteten Briefe mit seinem vollen Namen unterfertigte. Als ich daher mit meinen Dragonern ins Amts- Haus kam, um Arnsberg zu verhaften, fand ich zu meiner Ueberraschnng schon einen Offizier mit einer russischen Patrouille, aber nicht den Gesuchten vor. Arnsberg war, wie der Dorfrichter, der die russischen Offiziere ins Amtshaus geführt, versichert hatte, kurz bevor sie dieses betraten, am Fenster gestanden. Wahrscheinlich hatte deren Ankunft ihn erkennen lassen, daß er vcrrathen sei, und er war durch eine Hinterthnr des Hauses entflohen, denn das ganze Hans war von den Russen vom Keller bis zum Giebel vergeblich durchsucht worden. Zum Glücke hatte ich nuferen wackern Wachtmeister Wernhard einen findige» Kopf und praktischen Mann mit," der Offizier deutete mit der Degenspitze auf diesen, „der arrangirte die Geschichte prächtig; der Flüchtling konnte, wie er meinte, nicht weit sein, und wir sandten kleine Streifpatrouillen, denen Bauern, die den Amtmann kannten, beigegeben wurden, aus, und Wernhard war so glücklich, ihn in einem der umliegenden Dörfer in dem Momente zu ergreifen, wo er dem Besitzer eines Banernwagens eine große Summe für Wagen und Pferde bot. Er wollte offenbar so rasch als möglich über die Grenze, sich den fliehenden Franzosen anschließen. Dem Feldmarschall war es sehr angenehm, daß der Verbrecher zu Stande gebracht wurde. Die Franzosen hatten ein vortreffliches Spionkrsystem eingeführt, und waren in fast unbegreiflicher Weise stets über alle unsere Bewegungen im Vorhinein so gut unterrichtet, daß bisweilen die besten Pläne mißlangen, die glänzendsten Entwürfe durchkreuzt, vereitelt wurden. Trotz aller Anstrengungen war es bisher noch nicht gelungen, die französische Emissäre, ihre Helfershelfer