Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 10 (5.2.1885)
- Date
- 1885-02-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. Berlage ju Nr. 10 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. Der Schnlchan Aruch und die Rabbinen über das Verhältniß der Juden zu Andersgläubigen. Zur Berichtigung des von Prof. Gildemeister in dem „Jsaakiade"- Prozeffe abgegebenen gerichtlichen Gutachtens. Von Dr. D. Hoffmann, Docent am Rabbiner-Seminar zu Berlin. 10 Bogen Octav. Preis 1,50 Mark. Drei Jahre' mögen ungefähr verflossen sein, daß eines Tages zu Herrn Rabbiner Dr. Hildesheimer in Berlin ein dürftig gekleideter polnischer Jude kam, der sich Brimann nannte, Rabbiner zu sein vorgab und dringend um eine Gabe flehte. Herr Dr. Hildesheimer gelangte im Laufe der Unterhaltung zu der Ueberzeugung, daß der Mann einiges talmudisches Wissen besäße und, da derselbe betheuerte, daß Frau und Kind zu Hause die größte Roth litten, so gab er ihm bereitwillig ein Zwanzigmarkstück und entließ ihn mit den besten Wünschen. Herr Brimann dankte unter Thränen und versprach das Geld baldigst zurücksenden zu wollen. Biele Monate vergingen, Dr. Hildesheimer erfuhr nichts mehr von ihm, Herr Brimann schien verschollen. Da wurde die Welt nach einiger Zeit in die größte Aufregung versetzt durch eine in Paderborn erschienene Broschüre „Der Judcnspiegel", dessen Verfasser Justus den Talmud und Schnlchan Aruch in der verlogensten, schamlosesten Weise entstellt und zu dem erbärmlichsten Hetzmittel ausgebeutet hatte. Wer war Justus? Niemand wußte es; nach langen Nachforschungen erfuhr man das Geheimnis;: Justus war kein anderer als „Rabbiner" Brimann, der polnische Bettler, der Frau und Kind verlassen und sich der Taufe übergeben hatte. Auf die Verleumdungen eines Justus durfte man nicht antworten, obwohl seine Hetzschrift in mehr als 30000 Exemplaren verbreitet wurde; dazu wäre das Papier zu kostbar gewesen. Als jedoch kurz darauf Prof. Gildemeister, der berühmte Orientalist an der Bonner Universität, in einem Prozesse gegen ein antisemkti- ' sches Blatt als Sachverständiger sein Urtheil über den Schnlchan Aruch abgeben sollte und sich dabei auf Justus als seinen Gewährsmann berief, da brach überall ein Sturm der Entrüstung aus. Alle jüd. Blätter brachten Entgegnungen, und auch der „Israelit" wies in einem längeren Artikel die Haltlosigkeit des von Prof. Gildemeister abgegebenen Gutachtens nach. Dieser Erregung verdankt auch die vorliegende Schrift ihr Entstehen. Der Verfasser begnügte sich nicht damit, das auf irrigen Voraussetzungen beruhende Gutachten Gildemeisters glänzend zu widerlegen, sondern benutzte zugleich die Gelegenheit, um in 20 Aufsätzen ein klares Bild von der Stellung der Rabbinen und des Schnlchan Aruch zu Andersgläubigen zu geben. Mit bewährter Meisterschaft hat der Verfasser, bekanntlich einer der hervorragendsten Talmudisten der Gegenwart, seine schwierige Aufgabe gelöst. Haarscharf beweist er, daß die Erklärung der Rabbinen, daß die Christen nicht unter „Akum" zu verstehen seien, auf wissenschaftlicher Ueberzeugung beruhe und nicht, wie Gildemeister behauptet hatte, zu einem „System der Täuschungen" gehöre, ja, daß das Wort „Akum" der christlichen Eensur angehört, und daß die Verfasser des Sch.-A. es gar nicht kennen, vielmehr „Götzendiener" und „Nichtjuden" streng von einander scheiden. Ferner stellt der V. alle Lehren über Chillul Haschem und Kiddusch Haschem zusammen, behandelt noch viele anderen rabbinischen Aussprüche, die auf Nichtjuden Bezug haben und bringt schließlich einen „echten Judenspiegel" in dem 108 der wichtigsten Paragraphen aus dem jüd. Gesetze angeführt werden, die von den Beziehungen der Juden zu Andersgläubigen auf allen nur möglichen Gebieten handeln. Es unterliegt keinem Zweifel, daß selbst von einem Dietrich, Ferdinand Heß, Hosmanns Sigismundns und Eisenmenger die jüd. Lehre nicht so tendenziös wie von Justus entstellt und gefälscht lvorden ist; andererseits sind aber unserer Ueberzeugung nach alle diese Verleumdungen kaum jemals trefflicher nnd durchschlagender widerlegt worden, als in dem vorliegenden Werkchen. „Diese Artikel sind", so sagt der V. in seinem Vorwort, „nicht für die ehrlichen, guten Christen geschrieben, denn diesen sind sie nicht nöthig; noch weniger für die professionsmäßigen Judenhetzer, denn für diese ist Alles nutzlos! Sie