Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 6 (22.1.1885)
- Date
- 1885-01-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449510--21537-2511117- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
95 Der Kaiser, der ohnehin durch die Siegesnachricht in die beste Laune versetzt war, begann nun gleichfalls herzlichst zu lachen. „Kutschern," sprach er, „das haben Sie gut gegeben .... der Kaiser von Oesterreich mit der Zeche dnrchgebrannt, — das ums; ich Ihnen nacherzählen! — Aber Kutschern, daß Sie mich nicht darauf aufmerksam gemacht haben! Uebrigens," fuhr der Kaiser ein klein wenig ärgerlich fort, „hätten's auch so viel Verstand haben können, dem armen Menschen zwei oder drei Dukaten zu geben, und mir dann zu verrechnen. Warum sollte der brave, unglückliche Mann, dem ich den Bissen vom Munde weggegessen, der mich gar nicht kannte und sich mir daher ohne Eigennutz dienstwillig und gefällig erwiesen, mir Gastfreundschaft angcboten; nicht wenigstens eine kleine, materielle Entschädigung erhalten? .... Sie Kutschern, das war sehr talket von Jhna!" Ter Generaladjutant war plötzlich sehr ernst geworden, und erwiderte erregt: „Euer Majestät thun mir Unrecht, in derThat entschieden Unrecht .... Ich bitte unterthänigst sich allergnädigft daran zu erinnern, daß Allcrhöchstdieselben Plötzlich aufznbrechen geruhten, und es mir gewiß sehr übel vermerkt hätten, wenn ich mir gerade in diesem Momente eine nebensächliche Bemerkung erlaubt hätte .... Ich bitte allerunterthänigst, sich allergnädigst die Situation vergegenwärtigen zu wollen. Der arme Jude hatte eben sein bitteres Leid, sein schweres Unglück unter dem er und alle seine Angehörigen leiden, in einfachen, schlichten, aber das Gepräge der Wahrheit tragenden Worten geschildert, hatte cs auseinander gesetzt, daß der Umstand, daß er als zweitgeborener, daher nicht heirathsberechtigter Jude vor 83 Jahren ohne Gubernialbewilligung, eine Ehe, die der Staat nicht als solche betrachtet, eingcgangen, sein ganzes Leben bis zur Unerträglichkeit verdunkle, daß ein harter, herzloser Amtmann ihn in seinem Greisenalter von seiner Lebensgefährtin trennen, die kranke, hilflose Frau wegtreibcn, in's Elend stoßen wolle; — daß namentlich in einem solchen glücklichen Momente ei» Austerachtlassen der strengen Etikette gestatten. Er besäst die Gunst und das Vertrauen des Kaiser Franz in hohem Grade. Dieser nämlich war ein großer Musikfreund und ein leidenschaftlicher Violinspieler, namentlich ein Liebhaber von Quartetten. Der Kaiser sah darauf, daß sich in seiner Suite und in seinem Hofstaate stets Elemente befanden, aus denen sich ein Quartett bilden ließ. Bei diesem spielte der Kaiser die erste, Baron Kutscher« die zweite Geige, und hierdurch hatte sich in dem Verkehre der beiden Männer ein hoher Grad voll Vertraulichkeit entwickelt. sein braver Sohn, der dem Kaiser und dem Staate diene, sich in hoffnungsloser Liebe nach seiner Pflegeschwester verzehre, weil ihn das Gesetz als einen unehlich geborenen betrachte und der Vater nicht in der Lage sei, durch eine rechtsgiltige Trauung seine Geburt zu lcgitimiren .... Euer Majestät edles Herz war gerührt, alterhöchstdieselben geruhten in gewohnter Huld und Milde den gedrückten, verzweifelnden Leuten einen Hoffnungsstrahl anflenchten zu lassen, — da fiel plötzlich der russische Offizier, der Eouricr des General Ostermann, mit seiner Unglücksbotschaft, wie eine Bombe in's Zimmer .... Euer Majestät befanden sich in gerechter, hochgradiger Aufregung und befahlen, sofort unsere fluchtartige Reise fortzusetzen. Euer Majestät Gerechtigkeit muß es erkennen, daß der Moment nicht der geeignete war, Nebensächliches vorzubringen; — damals hatten wir nicht die entfernteste Ahnung, daß wir heute durch den Sohn allerhöchst Ihres Gastfreundes die Nachricht eines so entscheidenden, großartigen Sieges erhalten würden." Ihr kennt euch denken, meine Lieben, daß Alles das, was um mich herging, Alles, was ich hörte, den Eindruck der wundersamsten Ueberraschung auf mich machte. Ich war betäubt und ich wundere mich noch jetzt, daß cs mir in dem Zustande meiner körperlichen Ermattung möglich war, das Gesprochene richtig aufzufasseu; aber sobald mein lebhaftes Interesse geweckt worden war, bot ich alle meine geistigen Kräfte auf, damit mir ja nicht eine Sylbe entgehe. Der allgütkge Vater über uns hatte dem Generaladjutanten des Kaisers lebhafte Theilnahme für uns ins Herz gesenktihm die richtigen Worte auf die Lippen gelegt, den Kaiser, den unumschränkten Gebieter im Staate, für euch und mich günstig zu stimmen. Der Monarch hatte die längere Entschuldigung mit großer Aufmerksamkeit angehört, und das lebhafte Miencnspiel seines autzdrucksrcichen Gesichtes, das ich, da ich den Blick von diesem nicht abwcndcu durfte, mit größter Spannung verfolgte, bewies mir, daß er sich mit dem Inhalte derselben beschäftige. Der Kaiser fuhr sich einmal leicht mit der Hand über die Stirne, dann trat er nahe an mich heran und sprach: „Wachtmeister Auritz, Er hat sich in der heutigen Bataille ausgezeichnet, sich auch sonst — wie ich aus der Tapferkeitsmedaille an seiner Brust da sehe, brav benommen, und hat mir eine Siegcsnachricht von dem Kriegsschauplätze gebracht, nebenbei ersetz' ich auch, da sie um halb acht Uhr geschrieben lvnrde, daß Er ein vortrefflicher Reiter