Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-01-19 · Heft 5 (19.1.1885) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 5 (19.1.1885)
Date
1885-01-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449509--21522-2511101
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXVI. Jahrgang. Beilage ju Nr. 5 des Israelit. Leitender Artikel. Professor von Hetlingen und der Antisemitismus. In meiner Schrift, „die Entwickelung der Moralstatistik" (Berlin, Carl Habel 1884, Nr. 204 der deutschen Zeit und Streitfragen) hatte ich (S. 22) Herrn Professor von Oettingen in Dorpat den Vorwurf gemacht, er habe im antisemitischen Parteiinteresse Tendenzstatistik getrieben. Herr von Oettingen hat mir nun beit nachstehenden Brief über seine Stellung zum Antisemitismus geschrieben, den ich mit großer Genugthnung veröffentliche, da der gelehrte Verfasser, der auf dem Boden des strengsten Lutherthums steht, darin seinen Abscheu vorder antisemitischen Bewegung ausdrückt. Ich nehme darum keinen Anstand, die Vorwürfe, welche ich gegen den von mir hochgeachteten Mann erhoben habe, sehr gerne zurückzuziehen. Der Brief lautet: „In Ihrer sonst so freundlichen und anerkennenden Beurtheilung meiner Moralstatistik machen Sie milden Vorwurf, den Inden gegenüber gehässige „Tcndenzstatistik" getrieben zu haben. Namentlich soll ich „das jüdische Volkselcment eine „Gaunerbande" genannt haben. Sie schließen daraus, daß die antisemitische Parteiverbitterung jener Tage (Sommer 81) auch mich angesteckt habe. Bei der sonst durchaus sachlichen und gerechten Würdigung, die Sie meinem Werke, dessen Mängel ich am besten kenne, angedeihen lassen, hat es mich geschmerzt, in jenem Punkte mißverstanden worden zu sein. Ich stehe innerlich durchaus freundlich dem jüdischen Volk gegenüber. Ich verabscheue die antisemitische Propaganda und habe mich wiederholt auch in meinem Hauptwerk anerkennend über die Vorzüge des Judenthums (geringere uneheliche Gebur-t', Familiensinn, Bildungsstreben, selbst geringere Betheiligung am Verbrechen) unter ausdrücklicher Anerkennung Berlins ausgesprochen. In früheren Schriften habe ich sogar die ungeheure providentielle Bedeutsamkeit dieses, durch Gottes Fügung so zähe erhaltenen und großartig angelegten Volksstannnes eingehender zu beleuchten versucht. Aber freilch — comiptio optimi pessima. — Im Verbrecherthnm und Gaunerthum hat, wie ich ausdrücklich sage, der jüdische Dämon, nicht das ganze Volk, einen verhängnißvolleu Einfluß. geübt. Beweis dafür ist mir zunächst die bekannte Beobachtung Ave-Lallemants in Betreff der jüdischen Elemente in der Gaunersprache. Doch auch hier hebe ich hervor, daß die Zusammenschiebnng indogermanischer und semitischer Sprachtypen für alle Zeiten ein trübes Denkmal unserer Sünden, d. h. unmenschlicher Verfolgung des alten Gottesvolkes sein und bleiben werde. Damit brandmarke ich doch die antisemitische Tendenz. Wenn ich nun in Nr. 658 die so sonderliche Zunahme gewisser, von Inden verübter, gemeiner Verbrechen (Meineid, Betrug, falscher Bankerott) ziffernmäßig darlege und dann hinzufüge, daß man „die steigende Empörung des christl. Bewußtseins gegen diese betrügerische Bande" verstehen könne, so meine ich doch selbstverständlich mit diesem Ausdruck nicht das ganze, mir durchaus als ehrenwerh geltende Volk, sondern eben die verbrecherische Gruppe der Handels- und Börsenspekulanten, welche freilich nach meiner durchgehenden Gesammtanschanung von der Solidarität mit dem krankhaften Volksgcist und den herrschenden Schoßsündcn dieses Volksthums ebenso zusammenhängt, wie etwa bei den deutschen und namentlich den protestantischen die bis auf's Höchste gesteigerte Selbstmordtendenz. Mit dem Ausdruck „betrügerische Bande" will ich also nur jene auf künstlichen oder faktischen Bankerott hinarbeitende Klasse von jüdischen Specnlanten bezeichnen, die ja einen vergiftenden Einfluß auf die Volksseele ausübt. Sehr lieb wäre es mir, um der Sache und meiner Person willen, wenn Sie freundlkchst dieses Mißverständniß etwa in einer neuen Auflage Ihrer Schrift oder sonst öffentlich zurcchtstellen wollten. Ich stelle cs Ihnen frei, von diesem meinem Schreiben dabei Gebrauch zu machen, und bekenne bei dieser Gelegenheit aufrichtig, daß ich die ganze antisemitische Agitation ü. 1a Stöcker und Henrici verabscheue." Genehmigen Sie u. s. w. gez. Pr. A. v. Oettingen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.