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Der Israelit · 1885-01-19 · Heft 5 (19.1.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 5 (19.1.1885)
Date
1885-01-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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70 marsch alls!" sprach ich laut. „Sofort eintreten!" ertönte eine gebieterische Stimme aus dem nächsten Zimmer, und da Baron Kutschern, sich znrückzichcnd die Thnre freigab, folgte ich selbstverständlich dein erhaltenen Befehle, der mir offenbar unmittelbar durch den Mund des Kaisers selbst wurde, und zwei Sekunden später, stand ich vor diesem. Tie Depesche, die während des scharfeil Rittes auf meiner Brust, in der Tasche meines Waffenrockes geruht hatte, hatte ich ans dem Wege über die Stiege und durch das Vorzimmer herausgezogen und hielt sie in der Hand. Der Kaiser mußte, bevor ich eintrat, auf einem Sofa, vor einem kleinen Tische gesessen, sich aber mit lebhafter Ungeduld erhoben haben, denn das kleine Tischchen war weit wcggeschoben und stand schief in der Mitte des Zimmers. Eine der beiden Wachskerzen, die in silbernen Leuchtern ans dem kleinen Tischchen gestanden haben mochten, war bei der heftigen Bewegung des Monarchen auf die Erde gefallen und verlöscht, doch lvar das kleine Gemach durch weitere sechs Wachskerzen, die auf einem größeren Tische standen, hell erleuchtet. Der Kaiser war außerordentlich bleich, er ging mir hastig entgegen und riß mir die Depesche aus der Hand. Seine Hände zitterten, und es dauerte einige Sekunden, bevor er das Siegel zu lösen vermochte. Die Ungeduld übermannte ihn und er stieß die Worte hervor: „Wir sind geschlagen — die schöne Armee vernichtet .... ich muß sofort die Flucht ergreifen, was?" — „Nein, Majestät! . . . . glänzender Sieg!" sprach ich rasch, bevor der Monarch das Schreiben entfalten, einen Blick in dasselbe werfen konnte, so, daß ich der Erste war, von dem er unerlvartete Glückskunde vernommen, Tie bleichen Wangen des Kaisers rötheten sich, seine Augen leuchteten auf, er athmete tief auf aus erbebender Brust, als wenn plötzlich eine schwere Last von dieser fiele und sprach: „Gott tausendfachen Dank!" — Baron Kntschera ersetzte die verlöschte und hcrabgefallene Wachskerze durch eine der auf dem großen Tische stehende», rückte die beiden Leuchter ans dem kleinen Tischchen aneinander, so daß der Kaiser bei deren Scheine die Depesche lesen konnte. Zuerst durchflog er, die Depesche mit den Blicken lautlos, nur in einzelnen Ausrufungen wie, „ah .... magnifique. superbe, brav" ausbrechcnd, dann aber sprach er im reinsten Wienerisch: „Na, es war schon die höchste Zeit, daß der liebe Herrgott, ein gnädiges Einsehen mit uns gehabt hat, Se Kutscher«, jetzt passens 'mal auf und Hörens, was der Fürst Schwarzenberg berichtet," und nun las der Monarch langsam, jedes Wort gehörig betonend, die ganze Depesche, die ich meinem treuen Gedächtnisse bis auf jede Einzeluheit scharf eingeprägt habe und ich daher wörtlich wiedergeben kann; sie lautete: Euere kaiserliche königliche apostolische Majestät Allergnädigster Herr und Kaiser! Wir haben einen glänzenden vollständigen Sieg erfochten, eine große Schlacht, die ich die Schlacht bei Kulm nenne, geschlagen. Böhmen ist gerettet, Bandammes Armee vernichtet, er selbst und die Generäle Guyot, Haxi und Hcimbrodt und lOOOtt Mann gefangen. Heute am zweiten Schlachttage decken 5000 Feindeslcichen darunter die Generäle Montesquien-Fexeusac und Danesme, das Schlacht feld, der Rest der feindlichen Armee zog sich in regelloser wilder Flucht zurück. Das ganze feindliche Geschütz 81 Kanonen, 2 Adler, 3 Fahnen, 206 Munitionswagen und das sämmtliche Gepäck des Feindes fiel in unsere Hände. Die Verbindung zwischen den einzelnen Theilen unserer Armee ist wieder hergestellt, das Prestige der Franzosen ist gebrochen, der Muth der Truppen gehoben, die Stimmung eine vortreffliche, wir übergehen sofort neuerdings zur Offensive. Die verbündete Armee hat sich mit außerordentlicher Bravour geschlagen, Jedermann vom General bis zum letzten Trainknechte, hat seine Pflicht erfüllt, hat so weit es an ihm lag, zum Erfolge des Tages bekgetragen. Die Ehre des ersten Kampftages fällt dem russischen Hecrestheile zu. Graf Ostermann hat sich ruhmbedeckt, seinen Namen unsterblich gemacht. Im entscheidendsten Momente entschloß er sich, der doppelten Uebermacht die Spitze zu bieten, und was er mit hochherzigem Muthe beschlossen, führten seine Truppen mit altrömischer Tapferkeit aus. Am ersten Tage war die österreichische Armee nur durch das Dragonerregiment Erzherzog Johann vertreten, welches sich an beiden Schlachttagen durch die höchste Tapferkeit auszeichnete. Die Russen erlitten am ersten Tage große Verluste, namentlich das Korps des Prinzen vonWnrtembcrg. 6000 Mann waren an Tobten und Verwundeten geblieben, die Garden allein verloren 2700 Mann. Gestern Nachmittag, im heißesten Kampfe, riß eine Kanonenkugel dem General Ostermann den linken Arm weg und beraubte die Truppen in dem kritischsten Momente des Schlachttagcs ihres Anführers. Zum Glücke langten in diesem Momente rechtzeitig Generalqnarticrmeister Diebitsch und die erste Grenadierdivision unter General Miloradowitsch an, dieser übernimmt den Oberbefehl und die Grenadiere lösen die zu Tode ermüdeten Garden ab. Trotzdem war

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