Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 4 (15.1.1885)
- Date
- 1885-01-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449508--21493-2511071- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXVI. Jahrgang. Beilage jit Ur. 4 -es Israelit. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Wnrzburg. „Dem Verdienste seine Kronen." Unter diesen leuchtet bekanntlich die des guten Namens am herrlichsten uub unter den Verdiensten ist wohl kein schöneres als das, welches man sich um die leidenden auch oft mit Noth kämpfenden Menschen erwirbt. Ein solches Beispiel gab uns der so frühzeitig dahingeschiedene, allgemein beliebte, hochgeachtete, auch in entfernteren Kreisen bekannte Arzt dahier, Herr Dr. H. Silberschmidt, geb. zu Niederwerrn in Untcrfranken, welcher am 30. Dez. im Alter von 53 Jahren nach längerem Leiden das Zeitliche segnete. Es lohnt sich, dieses Leben etwas näher zu betrachten und es verdient der Mann, das; ihm auch in diesen gesch. Bl. ein Denkmal gesetzt werde. Schon in seinen Studienjahren zeichnete sich S. durch rastlosen Fleiß und durch reiche Begabung aus und erhielt auf dein Gymnasium stets den ersten Preis; sein Staatsexamen bestand er mit der ersten Note und documentirte noch weiter seine medizinischen Kenntnisse durch Lösung der Preisfrage an hiesiger Universität. Im Jahre 1658 erösfnete er seine Praxis dahier, welche bald einen solchen Umfang annahm, daß er zu den gesuchtesten Aerzten gehörte. Es wird kaum eine jüdische Familie hier sein, der H. Dr. S. nicht seinen ärztlichen Beistand leistete, der er nicht zum Wohlthäter und Freunde wurde, er war nicht nur der gesuchte, vielbcgehrte Arzt der Reichen, sondern auch der Armen, bereitwillig, theilnehmend, aufmerksam und gewissenhaft wie immer. Auch in nichtjüdischen Kreisen fanden seine Fachkenntnisse die wohlverdiente Anerkennung und er galt als medizinische Autorität. Er war auch ganz und gar Arzt und sein ganzes Sein ging in diesem Berufe auf; das gesellschaftliche und theilweise auch Familienleben mußten vor demselben zurückweichen. Und wer hätte es dem bescheidenen, an Körper schwachem Manne angesehen, daß ihm ein so großer Geist, eine so starke Willens- und Thatkraft inne wohne? Mit seinem reichen Wissen und seiner ärztlichen Erfahrung verband sich die ruhigste Beobachtungsgabe, die ihn in der Diagnose besonders auszcichnete, eine Umsicht und Vorsicht, die nichts außer Acht ließ, und einerseits ein Ernst und eine Aengstlichkeit, die Patient und Umgebung zur Einhaltung der ärztlichen Vorschriften mahnten, andererseits die warme Thcilnahmc, welche erleichternd und beruhigend wirkte. Dies Alles verschaffte ihm den großen Kreis seiner ärztlichen Wirksamkeit, nahm aber auch seine Kräfte so stark in Anspruch, daß er unter der Last seiner Aufgabe zusammenbrach und die eingetretene Kränklichkeit vor zwei Jahren seiner Berussthätigkeit zum Bedauern aller eine Grenze setzte. H. Dr. S. vergaß aber auch in der so treuen Pflichterfüllung gegen seine Mitmenschen die des religiösen Berufes nicht; er war 'Tin' von Herzen, verrichtete sein tägliches Gebet und wendete in seinen Studienjahren auch seine Zeit der Thora-Beschäftigung zu. Von der allgemeinen Anerkennung legte denn auch die große Thcilnahme bei der Trauerkuude von dem Hinscheiden des beliebten Mannes und der imposante Trancrzng des Leichenbegängnisses, an dem sich alle Stände der städtischen Bevölkerung besonders der ärztliche, betheilkgten, beredtes Zeugnis; ab und fand in der Grabrede des Herrn Rabbiners Vamberger entsprechenden Ausdruck. So ist H. Dr. S. für immer aus unserer Mitte geschieden, aber sein Andenken wird nicht schwinden, es wird bei Jedem, der ihn kannte, ein ehrendes, dankbares bleiben. Mögen die ticftrauernden Hinterbliebenen, eine treue Gattin, ein im edlen Sinne des Vaters erzogenes Kindcrpaar, eine greise Mutter und endlich ein liebender Bruder, in diesem Bewußtsein den gewünschten Trost und den heilsamsten Balsam für ihre schmerzliche Wunde, der theure Heimgegangene aber die wohlverdiente Ruhe und den reichen Lohn seiner Wohlthaten in dem Jenseits finden. Berlin, 9. Januar. Dem audiatur et altera pars stets getreu, werden Sie gewiß, hochgeehrter Herr Redacteur, auch den nachfolgenden Bemerkungen die Aufnahme nicht versagen, die sich gegen den Bericht Ihres hiesigen Eorrefpondenten über die Delegirtenconferenz jüdischer Schulmänner Deutschlands wenden möchten. Ich möchte zunächst be-