Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1885)
- Date
- 1885-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. j\s z. Genirak - Grgan für das orthodoxe Andenthum. Herausgcgeoen von Di'. Lehmann in Mainz., Donnerstag, den 8. Januar 5645 (1885). Leitende Artikel. Hkossen zur jüdischen Schukmänner- Versammümg. Berlin, 4. Januar. Es ist ein krankhaftes Symptom unserer in religiöser Beziehung so tief gesunkenen Zeit, daß immer auf's Neue der erfolglose Versuch wiederholt wird, die unansfüllbare Kluft, welche das Judenthnm in zwei Lager spaltet, zn überbrücken, den klaffenden Riß, welcher das Judenthnm durchzieht, zu übertünchen und zu überkleistern. Immer auf's Neue wiederholt man, durch schlechte Erfolge nnbelehrt, den seiner Natur nach ergcbniß- und aussichtslosen Versuch, die schroff einander gegenüberstehcuden religiösen Gegensätze zu gemeinsamer Thätigkeit zu verbinden; man könnte ebenso gut es unternehmen, Feuer und Wasser zu einer harmonischen Mischung zu vereinigen. Kaum hat die Rabbincrversammlung ihre unrühmlichen Verhandlungen beendigt, so tritt eine Vereinigung von jüdischen Schulmännern zusammen, der die Aufgabe gestellt wird, einen Normalplan für den Religionsunterricht anszuarbeiten. Man höre und staune! Männer der verschiedensten religiösen Richtungen, welche die Verbreitung und Vertretung ihrer Ansichten sich zum Lebensberuf gemacht haben, Männer der extremsten Anschauungen, die für nützlich halten, was dem Gegner schädlich, für verderbenbringend, was ihm segensreich scheint, sollen sich vereinigen, um einen Entwurf für religiösen Unterricht festzustellen! Jeder Vernünftige, auch der Laie, der dem Parteigetriebe völlig fernstehend nicht weiß, wie scharf die Gegensätze sind, wird einen derartigen Versuch von vornherein für unmöglich und aussichtslos erklären, er wird überzeugt sein, daß jene Männer sich kaum über die Gegenstände des Unterrichts, geschweige denn über die Eintheiung der Stundenzahl, über die Auswahl des Lehrstoffs und vor Allem über die Art der Behandlung einigen werden. Doch was kein Verstand der Verständigen sieht, das sicht in Einfalt das kindlich naive Gemüth des Gemcindebundes, des Urhebers und Vaters der jüdischen Schnlmänner- Versammlung. So wenig wir sonst mit Dr. Kirstein, dem Vorkämpfer der Reform, übcrcinstimmen, so lebhaft müssen wir es anerkennen, daß er das Richtige getroffen hat, wenn er sagte: „Wir sind mit Zweifeln in diese Versammlung gekommen, mit Zweifeln, ob ein gedeihliches Resultat erzielt werden würde; ja wir hegten fast keinen Zweifel mehr, wir waren vielmehr dessen gewiß, daß eine Einigung nicht zu erreichen sei, daß es unmöglich sei, die diversen religiösen Ansichten unter einen Hut zu bringen." Wir erkennen die Richtigkeit dieser Bemerkung an und pflichten ihm auch in dem Schlußsatz seiner Rede bei, daß jede Richtung im Judcnthnme sich frei entwickeln müsse, nur möchten wir hinzufügen: jede berechtigte Richtung darf sich ungehindert entfalten. Tic Richtung dieser Rcformhelden aber, die ans dem Judenthnm gewaltsam hinaus strebt, die im Gegensatz zn dem bekannten Ausspruch eines Rcligionsstifters „nicht kömmt um zn erfüllen, sondern um niederzureißen," diese Richtung, die den Boden unterwühlt, auf welchem unser ganzes religiöses Gebäude, das unscrm Volk im Sturme der Jahrhunderte Schirm und Schutz war, ruht, diese Richtung kann als berechtigt im Judenthum nicht anerkannt, sie muß wie eine schädliche, todtbringcndc Krankheit beseitigt werden. Vertreter dieser „Richtung" waren es, welche die überwältigende Majorität in dieser Versammlung bildeten, in die sie unter allen möglichen Titeln