Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 96 (2.12.1884)
- Date
- 1884-12-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1581 In diesem saßen drei Personen, Veit Blochner, dessen Fwu Eva, und deren Großnichte Lea, die Enkelin ihrer ältesten Schwester, um den Tisch. Die Stimmung in dem engen Kreise dieser Familie war schon seit, langer Zeit eine gedrückte gewesen. Das Kind des alten Ehepaares, ihr einziges Glück, ihr Stolz, die Stütze ihres Atters, stand, wie der geehrte Leser schon erfahren hat, bei einem Dragonerregimente, hatte schon wochenlang nichts von sich hören lassen, so daß seine betrübten Eltern gar keine Ahnung hatten, wo er sich dermalen befände; und jetzt, wo stündlich der Ausbruch der Feindseligkeiten erwartet wurde, wo das Leben jedes Soldaten bedroht war, konnte der sorgende Vater, die zärtliche Mutter, jeden Augenblick befürchten, das; gerade jetzt eine zerspringende Kartatschcnkugel, den blühenden, kräftigen Sohn tobte oder zum Krüppel mache. Auch Lea, dem schönen, schlanken, zweknndzwanzigjährigen, schwarzäugigen und schwarzhaarigcnMädchen, war der Gedanke, den lieben Verwandten in steter Gefahr zu wissen, bis zur Nnerträglichteit peinlich. Lea war als zweijähriges, elternloses Kind in Blochners Haus aufgenonnnen worden, und Großohm und Großtante hatten sich redlich bemüht, ihr die früh verlorenen Eltern zn ersetzen. Blochners Sohn, David, war sechs Jahre alt, als das neue Schwesterchen ins Haus kam, und betrachtete cs als ein hohes Glück, ein so anmnthigcs Schwesterchen zu erhalten. Lea schmiegte sich schon in ihrer frühesten Jugend an die Familie ihres Wohlthätcrs an, und glaubte in Blochner itiib seiner Gattin Eltern, in David einen zärlichen Bruder zu besitzen. Erst als sie die Schule besuchte, und dort den Namen ihrer Eltern angcben mußte, erfuhr sie den wahren Sachverhalt; aber die Erkenntnis; ihrer Stellung entfremdete das Kind der verwandten Familie, die sich seiner so warm angenommen, nicht, im Gcgentheil das schon früh auch geistig entwickelte Kind, ward nun auch von enthusiastischer Dankbarkeit gegen seine Pflegeltern erfüllt. Der erste Schmerz, der in Lea's junges Leben trat, war jener, als David A u r i tz (da seine Eltern ohne Gubenernialbewilligung getraut worden waren, mußte er den Namen seiner Mutter tragen) aus der Heimath schied, sie sich von ihm trennen mußte. Veit Blochner nämlich wollte soweit ihm dies eben möglich war, für die Zukunft, seines Sohnes sorgen und beabsichtigte,, ihn zu einem tüchtigen Kanfmaune heranzubilden. Durch' Vermittlung seiner Geschäftsfreunde war es ihm gelungen, in Prag ein Haus zu finden, in welchem der fünfzehnjährige David gründlich die Hanndlug erlernen sollte. Die elfjährige Lea schien es nicht für möglich zn halten, das; sic den Abschied von ihrem lieben Genossen und gar die lange Abwesenheit desselben werde überleben können! David fuhr, von Eltern und Pflegeschwester begleitet, in einem Leiterwagen in dös imdjfic Städtchen, von wo er und sein Vater, der ihn in seinen neuen Bestimmungsort einführen sollte, die Reise nach Prag in einem sogenannten Stellwagen oder sonstigen Gefährte fortsetzen wollten. Das elfjährige Mädchen konnte sich gar nicht ans den Armen des fünfzehnjährigen Burschen losreißen, so das; sogar die Mutter, obwohl selbst gerührt und ergriffen, unter Thränen lachend, die beiden jungen Leute darauf aufmerksam machte, das; Prag ja nicht außerhalb der Welt läge, daß die Trennung ja keine ewige sek, daß sie sich ja hoffentlich in nicht allzuferner Zeit Wiedersehen würden; — und. endlich darauf drang, daß David mit seinem Vater eiusteigen und abföhren sollte. Lea beschwor David, ihrer nicht zu vergessen, oft zu schreiben, — etwas altklug, auch — stets Gott im Herzen zu haben in der großen Stadt, wo es, wie sie gehört haben wollte, viele schlechte und nnfromme Menschen gibt; standhaft zu bleiben und sich nicht verderben zu lassen, endlich, im Winter, da in Prag kein Anderer auf ihn Acht haben könne, selbst darauf zn sehen, sich nicht zn erkälten, das Versprechen anfügend, sie würde nun nach ihren Kräften das Ihrige dazu beitragen, und ihm in der langen Zeit bis zum Winter (einige Monate erschienen dem elfjährigen Kinde als eine Ewigkeit) aus ihren Ersparnissen eine warme Wolljacke stricken. David versprach ans voller Seele und mit ganzem Herzen Alles, was Lea wünschte .... David Anritz war fünf Jahre ansgeblieben, und kam erst in die Heimath zurück, als er sich in der nächsten Kreisstadt zur Affcntirung stellen mußte. — David hatte es vor verzehrender Sehnsucht gar nicht erwarten können, nach Hause zu kommen, seine lieben Eltern, sein kleines Mühmchcn (es stand noch das Bild des elfjährigen Mädchens vor seinem geistigen Auge) wieder zu sehen; — aber er schien vor angenehmer tteberraschnng zur Säule erstarrt, als Lea, der alten Gewohnheit folgend, ihm entgegenflog, an seine Brust sinken wollte und plötzlich auf halbem Wege, mit wunderlieblichem Erröthen, den Blick schämig zu Boden senkend, vor ihm stehen blieb — und er statt des anmuthigen Kindes, das seiner Erinnerung vorschwebte, ein junges, schönes Weib vor sich sah! .... Auch.David hat sich zu seinem Vortheil geändert, der schlanke Knabe war ein kräftiger Jüngling von hoher Gestalt geworden ... . . Das Ge-