Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 96 (2.12.1884)
- Date
- 1884-12-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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j£XV. Zahrgang. J\g 86. Gentrat - Hrgan für das orthodoXe Iudenttium. Heransgegeben von Di. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 4. Dezember 5015 (1884)» 2^- Bezugsbedinguugeu itub JnhaltSverzeichirifi befinden sich am Schlüsse dcS Hauptblattes. "DK Leitender Artikel. Aie Kristenzöerechtlgilng des israei'. Volkes. v. Mainz, 1. December. Als Alexander, der Große, an der Spitze eines griechischen Heeres den Orient erobert batte, und unter seinen Nachfolgern griechische Enltur, griechische Kunst und griechische Wissenschaft' sich die Völker des Orients unterwarfen, da geschah es zum zweiten Male, das; die Existenzberechtigung des israelitischen Volkes in Frage gestellt wurde. Die Situation war aus vielfachen Gründen für den Bestand der jüdischen Nation eine äußerst gefahrdrohende. Klein und unbedeutend war das jüdische Volk der Zahl und der politischen Bedeutung nach. Judäa war eine der geringsten Provinzen des ägyptischen Reiches der Ptolomäer gewesen und erlangte nicht größere Wichtigkeit, als es unter Antiochns, dem Großen, dem syrischen Reiche der Seleuciden zngeseltt wurde. Auch in seiner Mitte fing der siegreiche Geist des Griechenthums an, seine Eroberungen zu machen. Unter allen Völkern -des Alterthums waren die Griechen die reichbegabtesten. Schon Altvater Roach hat die reiche Begabung dieses Volkes vorausgesagt. Sein Ausspruch: „Schönes wird Gott bescheiden dem Japhet", wird von den Weisen des Talmuds auf die griechische Nation bezogen. Auch unsere heutige Cultnr beruht auf den geistigen Errungen^ schäften der Hellenen. Es gibt keinen Zweig menschlichen Wissens und Könnens, der nicht diesem hochbegabten Volke seine Anregung verdankte. Die Wissenschaft der Wissenschaften, die Philosophie, ist griechischer Abstammung. Griechische Denker waren es, die sich mit den höchsten und wichtigsten Fragen beschäftigten und deren Beantwortung in ein wissenschaftliches System zu bringen suchten, und Sokrates, Plato und Aristoteles sind noch hellte die Lehrer des Menschengeschlechts. Durch seine Staatenbildungen, durch seine Verfassungen, durch die Gewährung individueller Freiheit hat das Volk der Griechen die Lehre vom Staat, die Lehre des ans einzelnen, freien Individuen bestehenden politischen Ganzen geschaffen. Alle andere Wissenschaften verdanken den Geistesheroen der Hellenen ihren Ursprung oder doch die erste Anregung. Die griechischen Dichter sind heute noch unerreicht. Ans dem Gebiete des Epos gibt es nichts, was mit den Gesängen Homers auch nur verglichen werden könnte. Kein anderes Volk hat Lyriker, wie Pindar, Sappho, Anakreon hcrvorgebracht. Sophokles, Aeschines und Euripkdes sind die größten Dramatiker der Welt geblieben. Durch Herodot und Thucydides wurde die Wissenschaft der Geschichte begründet. Wo gab es vorher und nachher einen Redner wie Demosthenes, wo einen Staatsmann wie Perikles? Die Bildhancrknnst, die Malerei, lvurden von den Griechell mit kaum wiedererreichter Meisterschaft betrieben, während die meisten Völker des Alterthums von diesen Künsten keine Ahnung hatten. Das Reich der Tolle wurde von ihnen in ein wissenschaftliches System gebracht;, der Tanz war nicht, wie heutzutage, ein Vergnügen, ein sinnlicher Genuß, der zumeist in der Berührung der verschiedenen Geschlechter liegt, sondern eine wohlgepslegte Kunst, welche die Harmonie der Bewegllngcn zum höchsten Ausruck brachte. Für die Mathematik sind die Lehren des Griechen Euklid noch heute maßgebend. .