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Der Israelit · 1884-11-27 · Heft 94 (27.11.1884) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 94 (27.11.1884)
Date
1884-11-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1545 dem Andern, von dem Amtsdiener in das Heiligthum des Archonten berufen.- Keiner blieb lange darin, und etwa schon nach Verlauf einer Stunde, wurde der letzte der Anwesenden, Veit Vlochner ans Schönhof, vor den Amtmann gerufen. Veit Vlochner war ein großgewachsener Mann von etwa achtundsechszig Jahren , der aber weit älter anssah. Sein Haar war schon schneeweiß, Gesicht und Stirn runzelig und von jener dunkeln Färbung, wie sie Sonnenbrand, Wind und Wetter verleihen. Es war das kein Wunder. Veit Vlochner hatte seit seinem dreizehnten Jahre sein Leben durch den Hausirhandel gefristet, und weit länger als ein halbes Jahrhundert war er jede Woche von Montag früh bis Freitag Nachmittag, im Sommer in einem Staubmeere, im Winter in fußhohem Schnee, im Frühling und Herbst bis an den Knöcheln in Koth versinkend die Landstraßen, Vicinalwcge und Dorfgaffen der Herrschaft Neuhof durchschritten, zumeist ohne die ganze Woche etwas Anderes, als ein Stück altgebackenes Brod" und ein Glas Bier zu genießen - und erst spät, als ihm das fortwährende Hausiren gar zu beschwerlich wurde, hatte er sich mit Bewilligung der Obrigkeit in seinem Heimathsdorfe einen kleinen Kramladen errichtet. Solche nnschilderbar harte Beschäftigung greift endlich auch den Stärksten und Kräftigsten an. Veit Vlochner lebte seit seiner Geburt auf der Herrschaft Neuhof, wo sein Vater jüdischer Familiant gewesen, aber sein Verhalten war in jeder Beziehung stets ein so musterhaftes, daß er sein ganzes Leben, beim Amte nicht geklagt hatte, noch viel weniger verklagt worden war. Er war jedem Streite sorgsam aus dem Wege gegangen. Die Waaren, die er allsonntäglich bei dein großen Manufacturwaarenhändler, in dem. nächstgelegenen Stäbchen geborgt nahm, hatte er immer redlich und pünktlich bezahlt; die Bauern, Häusler und Knechte auf der Herrschaft hatten ihn immer lieb gehabt und ihn nie beleidigt. Konnte oder wollte ihm einer seiner Kunden, denen er Waaren geborgt, nicht bezahlen, sagte er im erstereu Falle: „Hans oder Grete," oder wie der Knecht oder die Magd hieß: „Ich weiß gewiß, Dir thnts selber leid, daß Du mir nicht - zahlen kannst, Du hast halt das Geld nicht .... da läßt sich halt nichts machen!" War sein Schuldner aber einmuthwilliger-Mensch, der das, was er dem armen Juden zahlen sollte, lieber im Wirthshause vertrank oder am Tanzboden verpraßte, so sagte er ihm: „Zwingen kann ich Dich nicht,'mir zu zahlen, Dich verklagen und Dir einen großen Verdruß machen, will ich auch nicht; aber Du wirst durch die Paar Groschen, die Du mir behältst, nicht reiche rwerden, und mich wird der liebe Gott deshalb doch nicht zu Grunde gehen lassen."... Er war daher nicht wenig erstaunt gewesen, als ihm der Amtsdiener Klaus eine Vorladung für Freitag den 27. August 1813 brachte. Klaus, der mit einem Glase Liqueur regalirt worden war, hatte nicht anzngeben vermocht, um was es sich handle. Blochner's um zehn Jahre jüngere Frau, Eva, deren Gedanken stets bei ihrem Sohne, — ihrem einzigen Kinde — waren, der jetzt als Korporal bei den Dragonern, unbekannt wo, stand, hatte zwischen Hoffnung und. Angst schwankend, bald gefürchtet, der neue Oberamtmann wolle ihrem Gatten mittheilen, ihr Sohn läge irgendwo in einem Feldlazarett) verwundet, — bald gehofft, er habe sich wieder bei einer Schlacht ausgezeichnet, habe eine Belohnung, eine Auszeichnung erhalten; allein Vlochner glaubte, daß sich so etwas gar nicht errathen lasse, und sie ruhig bis morgen, wo er von Neuhof heimkommen und er ihr Alles berichten würde, warten müsse. Es werde, so hoffe er, mit Gottes Hilfe, nichts Böses sein. Nichtsdestoweniger hatte auch er sich in großer Aufregung und Spannung befunden, und hatte cs vor verzehrender Ungeduld nicht erwarten können in das Äabinet des Amtmanns, den er noch nicht gesehen hatte, gerufen zu werden. Als er cintrat, nahm Arnsberg einen Moment die Pfeife aus den: Munde und sprach in strengem Tone: „Er ist der Veit Vlochner aus Schönhof?" „Anfzuwarten," entgegucte der Jude, sich höflich verbeugend. „Ich habe das Erstenmal die Ehre unseren neuen Herrn Oberamtmann und Justiziär zu scheu und erlaube mir gehorsamst meinen ergebensten Glückwunsch auszusprechen. Möge der Allgütige ' Der Amtmann ließ Vlochner nicht zu Ende sprechen und unterbrach ihn heftig: „Halt Er's Maul! . . . . Schämt Er sich denn nicht, Er nichtsnutziger.yallunke mit Seinem schneeweißen Haare, einen solchen lüderlichen Lebenswandel zu führen, ein solches öffentliches Aergerniß zu geben? Ich dulde solche Zucht- und Sittenlosigkeit nicht .... das muß aufhöreu!" Das ruhige, höfliche Lächeln, das sich bei Blochners Eintritt in das Zimmer auf dessen Antlitz gelagert, war plötzlich verschwunden; einen Augenblick hatte der hochgewachscne Mann völlig unverstehend zn dem im Lehnstuhl sitzenden Amtmann uiedcrgeblickt; er glaubte nicht recht gehört zu haben; einen Augenblick war er vor Schrecken und Ueberraschung bleich wie die Wand geworden, aber schon im nächsten Momente färbte eine aufsteigende Blntwelle seine Züge dunkel. Er trat

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