Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1884)
- Date
- 1884-11-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Grotzwardein. Jüngst weilte der kön. nng. Kultusminister TrLfort in üiifcrcr Stadt und empfing daselbst mehrere Deputationen, worunter auch die der aut. orthodoxen Jndengemcinde unter Führung ihres Präses Isidor Nllmann. Auf dessen Ansprache erwiderte der Minister: Als ich heute Ihre konfessionelle Gemcindeschule besuchte, war ich sofort im Klaren über die Verhältnisse Ihrer Gemeinde; ich erkannte sofort, das; Sie Ihrer Aufgabe richtig und zweckentsprechend Nachkommen. Das; das unerschütterliche Festhalten an der Religion dem Patriotismus in keiner Weise Abbruch thuc, darüber bin ich im Klaren, wie ich dieser Ueberzengung oft genug Ausdruck gegeben. Seien Sie übrigens meiner Unterstützung sicher. Leider sind die Verhältnisse' der jüdischen Gemeinden im Lande ziemlich verworren; doch glaube ich, das;, wenn die Sanirnng einer Krankheit in nicht richtigem Zeitpunkte vorgcnommcn wird, dies von noch übleren Folgen begleitet sein kann, als die Krankheit selbst. Wir hoffen jedoch, daß die Zeit kommen wird, wo auch diese Uebclstände leicht behoben werden können. — Der Lehrkörper der jüdischorthodoxen Schulen machte seine Aufwartung unter Führung des Direktors Gabel. Dieser hob in seiner Ansprache die Verdienste Sr. Excellenz in Sachen der Stabilisirung der jüdischen Lehrer hervor. Der Minister antwortete, daß, wie er heute vom Geiste, welcher in der Großwardeincr jüdischen Gemeinde herrscht, Gelegenheit hatte, sich zu überzeugen, wird es zwischen dieser und den Lehrern kaum je zu einem Konflikt kommen. Doch konstatire er, daß viele Genieinden ihren Lehrern gegenüber ein ganz und gar inhumanes Vorgehen beobachten, und bei solchen Gelegenheiten werde er stets die Lehrer in Schutz nehmen. Der Lehrkörper nahnk diese Erklärung mit begeisterten Eljenrufen auf. Im Schooße der Großwardeincr israelitischen Status guo-Neligionsgcineinde, welche sich vor vier Jahren ans jenen Mitgliedern gebildet hat, die ans der dortigen orthodoxen Religionsgemeinde ausgetreten sind, haben die anfgetanchten, Monate lang andauernden Reibungen derartige Dimensionen angenommen, daß sich der Präsident veranlaßt sah, eine Generalversammlung cinzubcrufen, in welcher die Auflösung der Gemeinde beschlossen wurde. Die Mitglieder der aufgelösten Status gno-Gemeinde treten. der Großwardeincr israelitifchen orthodoxen Gemeinde bei. Nach Schluß der Generalversammlung wurde der Tempel gesperrt und an den Thüren Siegel angelegt. Der Kultusminister wird von med gefaßten Beschlüsse verständigt werden.' Fr a n k re i ch. Paris.' Vorige Woche starb plötzlich dahier der in den . weitesten K reisen durch seine Wohlthätigkcit, sowie durch seine thatkräftigc Förderung aller jüdischen Interessen bekannte Juwelier L, M. Rothschild. In Hiltcrod in Dänemark geboren, ließ er sich in feinem 25. Jahre in London nieder, wo er sich durch Fleiß und Redlichkeit ein großes Vermögen erwarb, von welchem.er den schönsten Gebrauch zu machen verstand. Seine Wohlthätigkeit war unbegrenzt; wo es galt, eine Institution zu unterstützen, für jüdische Angelegenheiten einzutreten, war er stets einer der ersten. Sein selbstloses Wesen erwarb ihm das volle Vertrauen der Londoner Glaubensgenossen. Hievon zeugen die vielen Aemtcr, die er in. der jüdischen Gemeinde bekleidete. Er war Vorstandsmitglied des „Jew's Kollege", welchem er eine ansehnliche Bibliothek schenkte, der „Jew's Weftminister Free School", des „Board of Gnardian's, des „Board of. Deputics", des „Jew's Hospital", der „Anglo Jcwish Association", deren Mitbegründer er gewesen. Als die Gcsnndheitsverhältnisse seiner Frau, geb. Leversohn, ihn zwangen, England zu verlassen, ließ er sich in Paris nieder, woselbst er eine ebenso segensreiche Thätigkeit entfaltete und namentlich eines der hervorragendsten Mitglieder des Eentral-Eonriws der Alt. Jsr. Univ. wurde, der er ebenfalls eine großartige Bibliothek zur Schenkung machte. Bei seinem Leichenbegängnisse, an welchem die angesehensten Mitglieder der Pariser Gemeinde sich betheiligtcn, sprachen die Obcrrabbiner Isidor und Kahn Worte der Trauer, die den großen Verlust des Dahingeschiedcncn schilderten. Seine Leiche wurde auf Wunsch nach London überführt, wo sie an der Seite seiner ihm vorangegangcnen Gattin beigcsetzt werden wird. Paris. Am 25. Oktober fand die Grundsteinlegung eines Waisenhauses statt, welches Baronin Alphonse v. Rothschild zur Erinnerung au ihre verstorbene Mutter, Baronin Lionel v. Rothschild in London, zu Gunsten englischer Waisenkinder in Paris errichten lässt. Baronin Alphonse v. Rothschild legte selbst den Grundstein. Bersailte. Der Präsident der Republik hat den Bau einer Synagoge dahier genehmigt. Dieselbe wird auf alleinige Kosten von Frau Karl Heine errichtet.