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Der Israelit · 1884-10-27 · Heft 85 (27.10.1884) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 85 (27.10.1884)
Date
1884-10-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1401 Feuilleton. Aus dem Leben eines orthodoxen Aiavbiners. Skizze von vr. Sta . . . (Fortsetzung.) 16. Kapitel. Alles verloren. Schüttelt nur wchmüthig Euere entlaubten Häupter, Ihr Bäume! Duckt nur ferner zwischen die Flügel Eure Köpfchen, Vögel, die Ihr verschmäht habt. Euch dem großen Zug nach den wärmernLäuderu anzuschließen, weil Ihr die Heiniath über Alles liebt! Euch Bäumen hat der freche Räuber — der Winter — den schönsten Laubschmuck gestohlen, Eure Kraft genommen und Eure Kinder aus der Wohnung, die sie im kühlen Schatten Euerer Aeste gefunden, vertrieben. Euch hat er nur um Euere Nahrung gebracht, die Ihr in den Gärten und auf den Saatfeldern gefunden. Sonst vermochte er Euch nichts zu nehmen! Kälte verspürt Ihr nicht, Ihr entblätterten Bäume, und Euch, Vögel! gewährt Euer gefiedertes Gewand Schutz und Schirm vor ihrer Strenge. Nicht aber so die Arme dort, deren Glieder vor Kälte fast erstarren. Seht, wie sie sich fröstelnd in ihren abgetragenen und leichten Mantel hüllt, wie ihre Zähne vor Frost aneinanderklappern! Bietet sie nicht ein herzzerreißendes Bild des entsetzlichsten Jammers und Elends dar? „Auch die letzte Hoffnung ist dahin! Was nun?" — entrang es sich stöhnend aus der Brust jener tiefverschleierten Armen, die jetzt in eine dunkle, abgelegene Querstraße einbog. Sie trat hastig in ein Haus von düsterem Aussehen und flog die Treppen hinauf. Mehrere Mal mußte sie stehen bleiben und tief Athem holen'; es ist zweifelhaft, ob aus Anstrengung, die alten Stufen zu erklimmen, denn ganz oben im vierten Stock befand sich ihr Zimmerchen, oder ob der Verzweiflung, die ihr ganzes Nervensystem in Erschütterung versetzt. Kurz keuchend hat sie den dunkeln Vorplatz zn einem kleinen Zimmer erreicht. Noch einmal blieb sie tiefaufathmend stehen, dann drehte sic den Schlüssel um und trat ein. „Ach, wie kalt, wie entsetzlich kalt ist auch hier!" — Ein schmaler Sonnenstreif fiel durch das einzige kleine Fenster, welches der Straße abgekehrt lag, in das Zimmer, als wolle die Königin des Tages betheuern, daß sie die Standesunterschiede und Vorurtheile mit dem Menschen nicht theile. Sie spendet das Licht dem Neichen und dem Armen; ihr schimmernder Glanz bahnt sich den Weg sowohl durch die mit reichem Seidenstoffe behaugencn Fenster, wie auch durch die engen Gucklöcher des Elends und der Armuth! Die Arme nahm den Schleier von ihrem blassen Gesichte ab und ließ sich, die Hände ringend, auf den einzigen Stuhl, welcher im Zimmer war, nieder. „Du hast es weit gebracht, Martha!" — jammerte das Weib. — „Ach, wenn mir Jemand vor einem halben Jahre gesagt haben würde: Martha, Du wirst in kurzer Zeit nicht einmal soviel besitzen, um Deine armselige Stube während der strengsten Kälte Heizen zu können! Bei Gott! ich würde den Betreffenden für wahnsinnig erklärt haben. Ich, die hochgeborene Freiin von Köhler, die gefeierte Schönheit, so mittellos? Lächerlich!" „Und jetzt?" — fuhr sie tonlos fort. — „Ja, das Schrecklichste ist eingetroffcn und das Nichtgeglaubte und Unmögliche glaubhaft und möglich geworden. Und meine einst gepriesene Schönyeit? Schönheit? ha ha ha!" Es war ein wildes, hohnvolles Lachen. „Meine Martha, arme Martha, Deine Schönheit ist Dir für die Ewigkeit genommen worden. Abstoßend und häßlich bist Du! Deine Verehrer wendeten Dir den Rücken zu! Freiin von Köhler? — Pfui, Martha, wie vermögen nur Deine Lippen ein so unsinniges Zeug zu sprechen? Du hast jedes Anrecht auf diesen adligen Namen verwirkt. Schon zur Zelt, als Du den armen Amtsrichter Stein in den Schoß der.Kirche getrieben, hast Dir auf diesen hochtrabenden Titel Verzicht geleistet. Und jetzt, da Du Jüdin geworden bist, hast Du mit Deiner Vergangenheit vollkommen gebrochen. Aber, thut mir etwa der Neligionswechsel leid? Nein, tausendmal nein! Bevor ich Jüdin geworden bin, hatte ich überhaupt keine Religion. Meine Religion bestand in meiner Selbstsucht und in meinem Eigennutz; meine Toilette war mein Gott, die Bequemlichkeit und Genußsucht die Gebote dieses Gottes; vom Ehristenthum wußte ich nichts. Erst die Härte der Menschen, mein Elend und die Armuth lehrten mich in der Religion Trost zu suche« und da ich damals gerade Jüdin geworden bin, so suchte ich die Grundsätze dieser Religion kennen zu lernen. Mein Interesse für sie wuchs mit jedem Tage, so daß ich von ihrer Wahrheit durch uub durch überzeugt bin und zum Aerger meiner

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