Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-10-27 · Heft 85 (27.10.1884) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 85 (27.10.1884)
Date
1884-10-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449485--21045-2510612
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1400 cinzulassen, war ich nicht und bin auch heute nichx entschlossen. Ein Abgeordneter hat dieser Tage seine Freude darüber ausgedrückt, daß mau sich jetzt bereits über den Antisemitismus ärgere, wahrend man vor einigen Jahren, als man zuerst davon gesprochen hat, darüber lachte. Wissen Sie, was der Grund hievon ist? Daß wir nämlich den Baum an seinen Früchten erkannt haben. Diese Frucht ist nichts Anderes, als das Einschlagen der Fenster bei friedlichen Bürgern, deren Beraubung und körperliche Mißhandlung. (Zustimmung.) Nun, einem Gewächse gegenüber, dessen Frucht das ist, kann man nicht mehr lachen, sondern da ist es bereits Pflicht, andere Mittel zu ergreifen. (Lebhafte Zustimmung rechts; eine Stimme links: Das geschah in keinem antisemitischen Bezirke! Rufe: Hört!) llebrigens will ich, was das Resultat von: Antisemitismus anbelangt, and) abgesehen von hie und da in Thränen der Jrregeführten sich manifestirenden Früchten, meine Meinung über das Thun und Lassen der Antisemitensagen. (Hört!) Im vergangenen Jahrhundert gelang es Manchen, durch Hexenprozesse dunkle düstere Blätter — ich will mich keines stärkereil Ausdruckes bedienen — in die Jahrbücher der ungarischen Justiz einzufügen. Nun, den Herrn Antisemiten wird es gelingen, ebenso düstere und betrübende Blätter dem Diarium des ungarischen Abgeordnetenhauses einzufügen. (So ist es! rechts.) So wie aber Jene aufhörten und wie darüber jeder nüchtern denkende und christlich fühlende Mensch den Stab brach, ohne daß die Sache ein Resultat gehabt hätte, so werden auch die Antisemiten mit ihrem Wirken endigen, nur daß ihr Gewissen nicht einige verbrannte Hexen, sondern eventuell das Blut der von ihnen Jrregeführten beflecken wird. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Auf diesem Gebiete wäre ich mit den Herren Antisemiten zu Ende. Die Früchte ihrer Lehren werde ich aufmerksam befolgen, doch werde ich nach besten Kräften Sorge dafür tragen, daß ich die Verbreitung dieser Lehren und die Vergiftung des Volkes verhindere. (Zustimmung rechts.) Ich will doch sehen, ob der Herr Abgeordnete Fennyvessy, der jetzt dem Verdachte Ausdruck gibt — obgleich er sagt, er wisse nicht, ob es wahr sei — daß ich vor der Verbreitung des Antisemitismus die Augen verschließe, daß ich hie und da eine schöne Rede halte und es dabei genug sein lasse; ich will doch sehen, ob er, wen» ich Gelegenheit haben werde, Mittel der Abhilfe zu verlangen, wenn ich keine schöne Reden halten, sondern bestrebt sein werde, die Wirkung der nicht schönen Reden Anderer zu verhindern, ob er die Mittel hiezu votiren wird. (Lebhafte Zustimnumg und Applaus rechts.) Denn, meine Herren, es darf nicht geschehen, daß filr das an einem sicheren Orte geschleuderte Wort Andere leiden sollen, wahrend die Betreffenden, welche im Wege der Presse und auf eine andere Art und Weise ihre Lehren verbreiten, nie und in keinem Verhältnisse erreicht werden können. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Mir blutet das Herz, so oft ein Unschuldiger und Jrregefiihrter leidet, und wo es doch die Gerechtigkeit erfordert, daß nichter, sondernderjenige, der ihn irre geführt, büßen soll. (Stürmischer Beifall rechts.) Der Herr Vorredner hat auch finanzielle Motive dafür angeführt, daß der Antisemitismus der Regierung vielleicht nicht unangenehm sei. Er verglich die Regierung mit jenem Arzte, der den reichen Kranken langsam curirt, damit derselbe länger zahlen müsse. Ich denke, der Herr Abgeordnete hat da kein anderes Geld verstanden, als jenes, welches zn öffentlichen, wenn es so beliebt, zu polittschen Zwecken bestimmt ist. (Franz Fennyvessy: Offenbar!) Wenn der Herr Abgeordnete dies so verstanden, so weiß ich nicht, wie er das als Fehler anrechnen kann, wenn irgend wer, der sich als Mitglied einer Partei fühlt, zu politischen und erlaubten Wahkzwecken und nicht als Bestechung nach Maßgabe seiner Kräfte in größerem oder kleinerem Maße beisteuert. Das hat man bisher noch nirgends für einen Fehler gehalten, und ich weiß, daß es keine Partei hier im Hause gibt, die hierin je Fehler gesehen hätte, da ja dies nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht jeder Partei ist, und ich glaube auch nicht, daß die Israeliten, die er erwähnte, überall die Regierung unterstützt hätten. Ich habe mehrfach Kenntniß vom Gegentheile, ja ich weiß sogar Fälle — es erscheint seltsam, ist aber Thatfache — daß ein Theil der Israeliten, natürlich in Folge Einschüchterung, ftrr ihr Hab und Gut fürchtend, für den antisemitischen Candidaten stinnnte. (Lebhafte Heiterkeit.) Bei dieser Stelle der Rede des Minister-Präsidenten ries man von allen Seiten den Namen des antifemitischen Abgeordenten Komlosy, in dessen Wahlkreis dies thatsächlich geschehen sein soll. . , Amerika. Tan Franoiseo. Ein armer Hausirer in San Francisco, Cal., Namens John Jacobs, welcher sein Leben mit dem Verkaufe von Cigarren fristete, erhielt im Laufe dieser Woche von England die Nachricht, daß ein dort gestorbener Verwandter ihm die Kleinigkeit von Lst. 3,500,000 hinterlassen habe. — Jacobs verkauft keine Cigarren mehr! -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.