Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-10-23 · Heft 84 (23.10.1884) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 84 (23.10.1884)
Date
1884-10-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449484--21023-2510589
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1389 stattgehabtcn ailtisemitischen Ausschreitungen Angeklagten wird am 20. d. M. zur Verhandlung gelangen; den in der Sache austretenden Zeugen sind bereits die betreffenden Vorladungen zugcgangen. Erwähnenswerth ist, daß für die in Rede stehende Schwurgerichtsperiode kein Neustettiner als Geschworener ausgeloost worden. (S. Hauptblatt: Köslin.) O e st e r r. - U n g a r. Mona r ch i e. Wien, 13. Okt. Um unseren Bericht über die Einweihung der neuen Synagoge zu ergänzen, wollen wir noch erwähnen, daß dieses Gotteshaus auf Kosten des hiesigen Talinud-Thoravcreins um den Baarbetrag von 10,000 fl. errichtet wurde. Sowohl die äußere Einrichtung, als die innere geschmackvolle rituelle Anlage entsprechen den heiligen Intentionen dieses überaus rührigen Vereins. Der Talmud-Thoravercin ist leider auch nur der einzige Verein in unserer Metropole, der es sich angelegen sein läßt, das Studium der hebräischen Literatur nach Kräften zu befördern und anzuregen. Der Talmud-Thoraverein hat sogar eine vierklassige Volksschule errichtet, deren Hauptziel ein gründlicher Unterricht in Normalschulgegenständen, verbunden mit Religionsunterricht, Bibel, Exegesis und Mischna, (die vorgeschrittenen und begabteren Schüler werden sogar in die Pforten des Talmud eingeführt). Bedauernswerth ist nur der Jndifferentismus unserer Glaubensgenossen gegen diese wohlthätige Anstalt. Die Schule wird meistens nur von sehr armen Kindern besucht, denen oft das Allernöthigste fehlt, und trotzalledem verstehen diese Kleinen sehr gut die Bibel, die Commentare derselben und die Mischnah sicher zu übersetzen, selbst die hebräische Grammatik ist ihnen nicht fremd. Aber unsere besser situirten Glaubensgenossen wollen von einem solchen Unterrichte nichts wissen, oder können sich mit den Intentionen des Vereines nicht recht befreunden; denn nur sehr wenige Kinder ans besseren Häusern besuchen diese Anstalt. Man könnte fast vermnthen, daß vielleicht nur wenige von deren Existenz eine Ahnung haben, sonst mußte dieselbe viel stärker und ausgiebiger besucht sein. Dr. Güdemann hatte also vollkommen Recht, als er in seiner Einwcihnngsrede ausdrücklich betonte, man wisse wirklich nicht für wen man jetzt Religionsschulen und Gotteshäuser baut; denn unsere Großen benutzen dieselben nicht. Es scheint leider noch immer, daß die Peitschenhiebe des Antisemitismus nicht jene Wirkung hervorgcbracht, welche das Gefühl der Zusammengehörigkeit m Zeiten arger Bedrängniß erfordert.. Mit schönen Synagogen und unsinnigen Reformen lockt man heute auch nimmer unsere Glaubensgenossen. Dies beweist wohl am besten der von uns angeregte und glücklich verlebte Untergang der sogenannten radi-- calen Reform in Neupcst. Die Reformsucht hat also weder bei uns noch in Ungarn fruchtbaren Boden, das Groß des Publikums ist konservativ und muß conservativ bleiben, denn dort liegt der Grundstock des JndenthnmS. Mit Reformen erringt man sogar bei unseren Freunden Spott und Hohn, was wohl durch folgendes Histörchen aus der „Mariahilfer gothischen Synagoge" bewiesen werden soll. Der zweite Tag des heil. Laubhüttenfeftes lockte als ein allgemeiner Feiertag auch viele Mariahilfer Nichtjuden in die Synagoge. Der Gottesdienst wirkte sehr stimmungsvoll auf die Anwesenden, als plötzlich zwei w e i ß e G e st a l t e n unter allgemeiner Heiterkeit der anwesenden andachtsvollen Verehrer der süßen Orgeltöne bei der Bundcslade sichtbar wurden. Ein langer weißer Talar bedeckte den Körper der beiden Gestalten und eine überans breite in einen Halbmond endigende weiße Mütze vollendete diesen fast geisterhaften Anzug. Schon waren einige Witzbolde der Versammlung der Ansicht, daß die türkische Scharwache zwei Mitglieder hierher gesendet habe um das wohlbekannte Lied anzustimmen: „Die Wache koinmt, s' ist Mitternacht, d'rum marsch nach Haus und Nacht, gemacht u. s. w. als der bekannte Vorbcterruf: „Kohanim" uns belehrte, daß die Kohanim des Mariahilfertempels einen so spassigen Geisteranzug znr allgemeinen Heiterkeit des Publikums trugen. Nun sage man uns offen, wohin eine solche lächerliche Reform führen soll, und bedenkt man, daß die betreffende 2 Kohanim Vorstandsmitglieder, des Mariahilfer-Tempelbauvereins sind, so wissen wir wirklich nicht, wie wir einen solchen Lachen erregenden Anzug und eine solche Reform billigen sollen, wenn die Herren Vorsteher selbst, die an und für sich sehr achtbare Personen sind, einem solchen Treiben kein Ende machen werden! Soll denn aus der Synagoge ein Lachkabinett werden? Wenn die Herren Vorsteher bedenken würden, daß solche Scenen sowohl ihnen als allen andern nachtheilig sind, so würde man sich gewiß nicht zu beklagen haben, daß das Publicmn der Mariahilfer Synagoge zu großem Theile theilnamslos den Saal füllt, um nur die schonen Glasmalereien und die süßen Orgcltöne zu bewundern. Von einer Andacht kann da also keine Rede sein. Die Andacht muß erst durch geeignete Maßregeln des Vorstandes geschaffen und erworben werden! Wien. Dem dreiundzwanzigsten Jahresbericht des Vereines zur Unterstützung »nittelloser isr. Studirendcr in Wien entnehmen wir:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.