Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 82 (16.10.1884)
- Date
- 1884-10-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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' i I Mi jl (! j ’! u! XXV. Zahrgaüg. - : r‘::.;!;tvT; SrUagr m Kr. 82 des Israelit. L e 11 e n d er Artikel. Prozeß Witter. (Fortsetzung.) Zn dem Gesichte des nunmehr 53 Jahre alten Moses Ritter, in deffen dichtem Kopf- und Barthaar kein graues Härchen;um Lorscheine kommt, ist ein schmerzvoller Ernst ausgeprägt. Ritter ist trotz der Qualen, die er seit seiner in Rzcszow erfolgten Verurtheilnng;nm Tode leiden mußte, noch ein ziemlich lästiger Mann. Seine Frau Gittel repräsentirt die seltene SpecieS einer jüdische» Bäuerin. Zn ihreni faltenreichen Gesichte gewahrt man einen sozusagen geistlos gutmuthigen Ausdruck, der den galizischen Baucrntoeibern eigen ist. Sic hörte der Vorlesung der Anklage aufmerksam zu und schüttelte bei gewissen Stellen derselben traurig urrd verneinend den Kopf. Marcelin Stochlinski bietet ein Bild von moralischer Verkommenheit. Zn seine»! Wesen zeigt er ein Gemisch von blödsinniger Ergebung und vagabundenartiger Nachlässigkeit. Seine Erscheinung ist geradezu mitleidcrrcgend. Krakau, 1. Qctober. Die heutige Verhandlung im Prozesse Ritter begann mit dem Verhöre des Mitangeklagten Marcelin Stochlinski. Derselbe beharrt dabei, daß er unschuldig sei, und erzählt, daß er am Tage des Verschwindens der Franziska Minich diese zu Mittag bei seiner Frau gesehen habe, wo sie Kraut und Bohnen gegessen habe. Er ging dann zu Felder, kam nach ungefähr anderthalb Stunden zurück, traf jedoch die Franziska Mnich nicht mehr, die zu Ritter um Milch gehen sollte. Seitdem habe er sie nicht mehr gesehen. Er war anwesend, als man ihren Leichna»! gefunden und diesen obducirte. — Ter Präsident citirt darauf sämnitliche vor verschiedenen Personen abgelegten Geständnisse des Angeklagten. Dieser behauptet, er sei zu denselben durch die ihn arretirendeu Gendarmen in Folge mörderischer Schläge gezwungen worden. Der Präsident halt dem Angeklagten vor, daß er vor dem Geistlichen Drzewicki, dem Dorfrichter und dem Lanbmann Stanislaw Lnkasze dasselbe Geständniß ausführlich wiederholt habe, worauf der Angeklagte antwortet, er könne sich diesfalls nicht erinnern'. — Präs.: Wie kommt es, daß alle Einzelheiten der durch Sie revocirtcn Geständnisse mit dem Gutachten der Krakauer medicinischen Facultät übereinstimmen? — Stochlinski: Zch weiß es nicht. — Auf die Frage, warum er aussagte, daß Ritter ihm 50 Gulden gegeben habe, antwortete Stochlinski, er habe Alles so ausgesagt, wie die Gendarmen, wellte ihn schlugen, ihm geboten. Der Präsident citirt sein Geständniß vor den Häftlingen im Jnquisiten-Spital. Der Angeklagte kann sich darauf nicht erinnern. — .Präs.: Woher stammte das bei Ihnen Vorgefundene Geld? — Stochlinski: Es rührt vom Verkaufe eines Grundstückes her. — Der Präsident citirt Daten ans dem Vcrkaufscontracte, sowie verschiedene Zeugenaussagen, welche die Behauptung Stochlinski's widerlegen. Stochlinski spricht schnell, in weinerlichem Tone und undeutlich. Seine gewöhnliche Antwort ist, daß er sich nicht erinnern könne. Ueber sein Berhältniß zu Ritter befragt;- sagt der Angeklagte^, dasselbe war, wie es gewöhnlich unter Nachbarn zu sein pflegt. Nachmittags begann das Verhör des Hanptangeklagtcn Joseph Ritter; er erzählt, daß Franzika Mnich bei ihm einige Zeit gedient, und daß er sie emlassen habe, weil er gehört, daß der (geistliche in der Kirche gepredigt habe, daß Christen bei Juden nicht dienen sollen. Vom Verschwinden der Franziska Mnich habe er erst zwei Monate später erfahren. Er leugnete, daß er mit ihr intimen Umgang gepflogen habe. Aus die Frage des Vorsitzenden, von wem er gehört habe, daß man ihm zuschrieb, Franziska Mnich sei von ihm in gesegneten Unrstäuden gewesen, antwortete Ritter, der Geistliche Drzelvicki sei der Erste gewesen, der ihm sagte, daß hierüber gesprochen wurde. Der Vorsitzende richtet dann mehrere Fragen an den Angeklagten in Bezug auf den inner» Raum des Kellers, und wird die diesbezügliche Zeichnung den Geschwornen und Vertheidigern vorgelegt. Ritter sucht zu beweisen, daß in dem Keller, in welchem sich Erdäpfel, Rüben und dergleichen befanden, keine sechs Personen, wie die Anklage behauptet, Platz hatten. Auf den Mord übergehend, theuert strikter, daß er als sommer Jude nie Mcnschenblut vergießen und sogar das Blut eines Thieres nicht sehen könne. Der vorgerückte!! Stunde wegen werden die Verhandlung und das rveitcre Verhör Ritters aus niorgen vertagt. Krakau, den 2. Ortobcr. Der Angeklagte behauptete fortwährend seine Unschuld. Der Vorsitzende zeigt dem Angeklagten eine kleine Hacke und fragt ihn, warum diese unter dem Schrank war. — Angeklagter: Die Hacke ist klein, ich mußte sie vor den Kindern verstecken, die mit derselben spielen und sich verletzen konnten. Präsident: An dieser Hacke bemerkte man Flecke und Haare. Diese rvaren ganz ähnlich den Haaren der Zöpfe der Franziska Mnich, und in Betreff der Flecke haben die Aerzte ansgesagt, daß sie möglicherweise von Blut herrühren konnten. — Angeklagter (mit Ernst): Mein Gewissen ist rein, ich weiß, daß die angeblichen Haare an der Hacke, keine Menschenhaare waren, ebensowenig wie die Flecke von Menschenblut herriihrten h Verthcidiger Dr. Machalki: Warum sind die Haare, welche an der Hacke geklebt haben sollen, nicht hier, gleich den andern vorliegenden Lorpora delicti? Präsident: Diese Haare, wie der Uterus, wurden weggeworfen. ~ . Verthcidiger: Ja, das wundert mich eben! — Präsident: Darüber werden die Geschworenen urtheilen. Der Verthcidiger Dr. Mochalski verlangt, daß der Vorsitzende dem angeklagten Ritter genau den Tag angeben möge, an welchem die Franziska Mnich verschwunden war. Dieser Antrag hat eine große Bedeutung, indem die Anklage den 4. December als diesen Tag angibt, für welchen aber Ritter seine Alibi nachweist. An einer andern Stelle sagt die Anklage jedoch, daß die Franziska Mnich „Anfangs December^ verschwunden sei. ' Während der ganz Zeit der Einvernahme des MasesRitter saß Stochlinski auf der Anklagebank mit dem Ausdrucke der größten Gleichgiltigkeit, kümmerte sich nicht um die sowohl seitens des Ritter als des Vorsitzenden oft gemachten scharfen Bemerkungen über sein Wesen und seinen Character, und schien mit einer Resignation sich in sein Loos zu fügen.' ___ Krafa n, 2. Oktober. DaS Interesse des hieroriigen Publikums an dem mysteriösen Strafprozesse gegen Moses Ritter und dessen Mitangeklagte