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Der Israelit · 1884-10-16 · Heft 82 (16.10.1884) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 82 (16.10.1884)
Date
1884-10-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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353 Feuilleton. Verschossen und vergessen. . - - x. Banqnier Seefeld saß mit seiner Familie beim Frühstiick und erzählte seiner Frau und seinen Bindern die wunderbare Mähr von der Rückkehr Ludwigs nud von dem Empfange, der ihm bei denen geworden, die er am meisten liebte. Da wurde der Portier des benachbarten Hotels gemeldet. Seeseld befahl, den Mann eintreten zn lassen. „Herr Ludwig Bär," sagte der Portier, „der von der Reise znrückgekehrt und bei uns abgestiegen ist, läßt Herrn Seefeld dringend bitten, sich zu ihm zn bemühen. Er befindet sich im zweiten Stock, Zimmernummer 24." „„Ich werde sogleich erscheinen."" Ludwig lag noch im Bette, als Seefeld bei ihm eintrat; er fühlte sich an allen Gliedern zerschlagen, und der Kopf war ihm schwer. „Bornch mechajeh hannnSßim, gelobt sei der Beleber der Tobten?' rief ihm Seefeld zu. „Ich gratulire Ihnen, Herr Bär, Sie sind vom Tode erstanden!" Ludwig lächelte matt. „„Ach,"" sagte er, „„besser wäre mir's, ich läge im tiefften Meeresgründe."" „Armer junger Mann! Ich habe schon gehört, wie schlecht man Sie empfangen hat." Seefeld ergriff Ludwigs Hand; sie war glühend heiß. „Sie sind krank. Sie haben Fieber." „„Ich fühle es, und deßhalb habe ich mir erlaubt, Sie rufen zu lassen. Ich möchte nicht in mein Haus zurückkehren, um mich der Pflege meiner Schwestern anzuvertranen; ich will mich ins Hospital bringen lassen. Sorgen Sie gütigst dafür, daß ich koschere Kost und einen jüdischen Wärter erhalte."" „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, Herr Bär, welch tiefes Mitleid ich für Sie empfinde! Ich habe Ihnen noch nicht einmal meinen Dank anssprechen rönnen, für den großen Dienst, den Sie, kurz vor Ihrer Abreise nach Amerika, meiner Tochter Ottilie erwiesen haben. Das arme Mädchen fühlte sich tief unglücklich, als die Nachricht kam, daß Sie beim Schiffbruch des Aviso umgekommen seien. Gestatten Sie mir, Herr Bär, Ihnen jetzt einen Theil meiner Schuld abzntragen und erlauben Sie mir, Sie in mein Hans bringen zu lassen, damit meine Frau und meine Tochter Sie pflegen." „„Unmöglich! Wie könnte ich Ihnen eine solche Last aufbürden!"" „Mit Gottes Hilfe werden Sie bald wieder genesen und in Ihr Hans znrückkehren können. Ich bin ein energischer Mann und dulde keinen Widerspruch. Sie sind krank und deßhalb Ihrer Selbstbestimmung beraubt. So. werde ich über Sie disponiren." Gesagt, gethan. Ludwig wurde in das Haus Seefelds geführt und in einem schönen, geräumigen, luftigen Zimmer nntergebracht. Frau Secfeld und Ottilie thcilten sich in seiner Pflege. Bald verließ den Kranken das Bewußtsein. Ein heftiges Nervenfieber befiel ihn, und wilde Phantasien erschreckten seine Umgebung. Bald glaubte der Kranke in New- Aork zn sein, mit dem entflohenen Eassirer um das geraubte Gut kämpfend. Bald betete er in herzzerreißenden Tönen, daß Gott ihn vor dem Tode in den Wellen bewahre, um des bedaucrnswerthen Mädchens willen, welches seinen Tod ewig betrauern, würde; bald schilderte er die Sehnsucht nach seinen Lieben und das Glück, das diesen seine unverhoffte Heimkehr bereiten würde; oft wiederholte er die Schrcckenssccne, die er bei seiner Rückkunft im eigenen Hanse erlebt hatte; dann wollte er sich in den Strom stürzen, um seinen Leiden für immer ein Ende zn machen. Kopfschüttelnd stand der Arzt an seinem Lager und sprach: „Die furchtbaren Seelenlciden des Unglücklichen gefährden sein Leben mehr als die Krankheit. Wenn es ein Mittel gäbe, ihn zu beruhigen — er wäre gerettet." Und dieses Mittel fand sich. Die Nähe Ottiliens wirkte stets besänftigend auf den Kranken. Er hielt sie für Dorothea und meinte, diese sei reuig zu ihm znrückgekehrt. Als Ottilie das bemerkte, blieb sie stets in der Nähe des .Kranken, und wenn mitten in der Nacht die furchtbaren Phantasien zum Ausbruch kamen, so verließ sie eiligst ihr Lager und eilte an das Krankenbett, wo ihr Erscheinen stets eine besänftigende Wirkung übte. Nenn furchtbare Tage waren auf diese Weise vergangen. Die ganze Stadt nahm den grüßen Antheil an dem Geschicke des Kranken. Im Eomptoire Seefelds wurde es fast nicht leer von Leuten, die sich nach dem Befinden Ludwigs erkundigten. Auch in anderer Weise bewiesen die Bewohner von M., wie sehr sie Die- I jenigen verachteten, welche die schwere Krankheit Ludwigs verschuldet hatten. Wie auf Verabredung mieden sie das Geschäft der Herren Reich u. Robin-

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