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Der Israelit · 1884-10-02 · Heft 79-80 (2.10.1884) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 79-80 (2.10.1884)
Date
1884-10-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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strömt die Gluth unaussprechlicher Liebe. Jetzt geleitet er sie zu ihrem Sitze und umfaßt sie zärtlich, während sie ihn mit sichtlichem Wohlgefallen betrachtet. Ludwig greift sich an die Stirne.' Träumt er? Ist er wahnsinnig geworden? Nein, er wacht und ist ganz vernünftig. Was er sieht, ist keine Sinnestäuschung; aber es ist dazu angethan, ihn wahnsinnig zu machen. Noch inaner steht er regungslos an der Thüre, den Blick unablässig auf Dorothea gerichtet. Plötzlich ertönt ein furchtbarer Schrei. Dorothea, die tviederum zum Tanz antretcn wollte^ hat den an der Thüre Stehenden erblickt und erkannt. „Ludwig!" ruft sie und sinkt ohnmächtig zu Boden. Ein furchtbarer Schrecken ergreift die ganze Versammlung; die Musik verstummt. Alles bemühet sich um die ohnmächtig Hingesunkene. Auch Ludwig eilt herzu; ihn beherrscht nunmehr nur das eine Gefühl, daß die Geliebte seines Herzens gleich einer Todten daliegt. Ludwig will sie emporheben. Jetzt erkennt man ihn. „Ludwig Bär!" ertönt es mit Entsetzen von allen Seiten. „Es ist sein Geist!" „Er ist seinem Grabe entstiegen, um die Braut dem ungetreuen Freunde zu entreißen!" Ludwig hört das Alles; er ist leichenblaß und bestärkt so die Meinung der Zitternden, daß ein abgeschiedener Geist unter sie gekonunen. Mit unmenschlicher Anstrengung ringt er nach Worten. Lautlose Stille herrscht im Saal; selbst um die Ohnmächtige kümmert sich Niemand. Aller Augen sind auf Ludwig gerichtet. „Ich bin kein abgeschiedener Geist", stößt dieser endlich hervor; „ich lebe. In wunderbarer Weise bi» ich dem Tode entgangen." Bei diesen Worten erwachte Dorothea wieder zum Leben. Sie erhebt sich. Ludwig stürzt auf sie zu. „Dorothea!" ruft er — sie aber wendet sich ab, und Ferdinand, den ehemaligen Freund mit feindlichen Blicken betrachtend, umfängt sie mit seinen Annen, v „Sie ist mein!" ruft er," „und ich werde sie mir nicht wieder nehmen lassen!" „Wir Alle hielten Dich für todt," sagt Dorothea, „und Ferdinand ist mein Bräutigam gewogen." Entsetzen malt sich in Ludwigs Zügen, ein ticfschmerzlicher Seufzer entringt sich seiner Brust. -O," ruft er, „läge ich doch auf tiefstem Meeresgründe! Mußte ich deßhalb dem Tode eutriffen werden, um das zu erleben!^. Antonie eilt herbei. Wie eine Furie stürzt sie auf den zur Unzeit heimgekehrten Bruder los. „Dn bist der Fluch meines Lebens," schreit, sie. „Morgen sollte meine Hochzeit sein. Jetzt hat Bernhard erklärt, daß nichts daraus werden könne; er habe um die reiche Erbin geworben, nicht aber um ein armes Mädchen. Und das ist Deine Schuld. Mußt Du gerade jetzt wieder kommen!" Auch Klothilde nähert sich, laut weinend. „Philipp", ruft sie, „hat das Verlöbnis; mit mir aufgehoben, weil mein Vermögen an Ludwig zurückgegeben werden muß. Du bist unser Unglück. Erst hast Du den Onkel beschwatzt, daß er uns hat enterben müssen, und jetzt machst Du uns zur Schande, zum Spott und Gelächter der ganzen Stadt!" Verzweiflung ergreift das Herz des armen Gequälten. Er stürzt zum Saal hinaus, die Treppe hinunter, auf die Straße, in die finstere, traurige Wintcrnacht. Er fühlt nicht den cisigkalten, rauhen Nordost, bemerkt nicht das heftige Schneegestöber. „Onkel,' Onkel, wie hattest Du so recht! Wer weggeht, wird vergessen, und wenn er wiederkehrt, jagt man ihn fort!" Er rennt durch die Straßen der Stadt, der kalte Wind fiihrt ihm den Schnee ins Angesicht; stärker als der Sturm tobt der Kummer in seiner Brust. Wie ist er doch so entsetzlich enttäuscht worden! Ist das das Wiedersehen, das er sich so oft mit den wonnigsten Farben ausgemalt? Als er auf dem brennenden Schisse niederknicte, da betete er zu dem allgütigen Gotte um seine Rettung, nicht um seinetwillen, sondern um des verzweifelnden Mädchens willen, damit es nicht kummervoll sein ganzes Leben vertrauere. Und Gott hat sein Gebet erhört, hat ihn in wunderbarer Weise am Leben erhalten. Und jetzt? O, hätte die rettende Hand ihn nicht emporgezogen aus dem nassen Grabe! In seinem Innern entbrennt der Zorn, der Zorn gegen die neidischen Schwestern, der Zorn gegen den falschen Freund, der Zorn gegen die treulose Braut. Das Dichterwort kömmt ihm in den Sinn: Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht, Ist werth nicht, daß die Welt von ihm erfahre. Alle seine Freunde haben ihn.betrogen, haben sich als falsch und schlecht erwiesen. Ist die ganze Welt so? Verachtung gegen alle Menschen ..erfüllt ihn; es ekelt ihn, unter den Menschen weiter zu leben. Ja, sterben, sterben! Wie würde sein Tod Diejenigen beglücken, die schon jetzt seine Erbschaft angetreten haben! Dann würde wieder Alles in's alte Geleise, kommen. Ferdinand und Dorothea werden ein glückliches Paar, Bernhard Gleich und Philipp Nubiusohn bewerben sich aufs Nene um die verlassenen Bräute.

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