Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 77-78 (25.9.1884)
- Date
- 1884-09-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Petersburg. Ein Anonymus hat dem hiesigen jüdischen Waisenasyl 1000 Rubel überschritt. Am 25. August und die folgende Tage waren in Lomsa und Bels (Bessarabie::) ernste Ausschreitungen gegen die Juden ausgebrocheu. In Bels wurde mehr denn 60, Juden gehörigen Waarenlager geplündert. — Nach dem dahier erscheinenden „jüdischen Volksblatt" beabsichtigt der Bankier Pericles Fedorowitsch Nodocanachi in Odessa seine großen Besitzungen in Beffarabien jüdischen Colonilten unter günstigen Bedingungen zur Dispositton zu stellen. Erst vom dritten Jahre sollen die Ansiedler ein kleines Pachtgeld zu zahlen haben. Hansmiethe sei feine zu enttichten, Holz und anderes Baumaterial werden ftei geliefert und jeder Colonist sott ein Kapital von 1000 Rubel zu 5%, rückzahlbar innerhalb 36 Jahren, erhalten. A s i e n. Alexandrien. Die Herren Alexander und Karl Dello Strologo^ Consularagent und Secretär der Agentur der Verewigten Staaten Nordamerikas, haben vorn Khediven den kaiserl. Medjidie-Orden erhalten. Ersterer ist der Ehren - Sectretär der egyptischen jüdischen Gemeinde seit ihrer Gründung. Alle hiesige Zeitungen, einheimische und ausländische, drücken ihre große Befriedigung über diese unseren Glaubensgenossen erwiesene Auszeichnung aus. Calentta. Am 11. September wurde dahier unter großen Ceremouien eine Synagoge eingeweiht. Dieselbe wurde auf Kosten des Herrn Elias Ezra zum Andenken an dessen verstorbenen Vater David Ezra erbaut. Letzterer hatte namentlich für den Jugcndunterricht in den jüdischen Gemeinden Außerordentliches geleistet. Eine der hier bestehenden jüdischen Schulen verdankt ihm ihre Entstehung. F e n i l l e t o it. Mr/chollen und vergessen. VII. Das Schiff, welches ein Boot entsandt hatte, um den im Meere Verlorenen vom Tode zu erretten, war der „Southampton", ein prächtiger, großer Dreimaster, der ans einer Fahrt nach Melbourne in Australien begriffen, durch den Sturm in diese Gewässer war geschleudert worden. Leblos wurde Ludwig auf das Schiff gebracht. Der Befehlshaber desselben, Kapitain Smith, befahl, ihm in der Cajüte ein Lager zu bereiten und ihn ans das Sorgfältigste zu Pflegen. Das durchnäßte Portefeuille, das aus der Brusttasche der Weste des Geretteten gezogen wurde, nahm derCapitain an sich, um es zu trockenen und für den Kranken aufzuhewahren. Wochen vergingen, ehe Ludwig sich von seinem Lager erheben und seinen Rettern daukeu konnte. Monate währte es noch, che der Southampthon das Ziel seiner Fahrt erreichte. Während dieser ganzen Zeit dachte Ludwig immerwährend an die Angst und Trauer seiner Braut, seines Freundes, seiner Schwestern. Tag und Nacht stand vor seinem geistigen Auge das Bild der abgehärmten, tiefbekümmerteu Dorothea. Nach keiner Landung in Melbourne belohnte Ludwig seine Netter auf das Reichlichste. Dann ging er in die Stadt, um sich wiederum mit Kleidern, Wäsche lmd anderen Effecten zu versehen. Zu seiner größten Freude erfuhr er, daß sich in Melbourne eine jüdische Gemeinde befinde. Kurz vor den erzählten Ereignissen hatte man in Rußland die an der deutschen Grenze wohnenden Juden der Begünstigung des Schmuggelhandels beschuldigt. In Folge dessen hatte Kaiser Nicolans die gewaltsame Entfernung derselben dccretirt. Zwar war es der aufopferungsvollen Vermittelung des edlen Sir Moses Montefiore gelungen, dieses grausame Decret rückgängig zu machen; allein eine Anzahl russischer Juden war bereits in Folge des ersten Schreckens ausgewandert, nach London gekommen und von dort unter Beihilfe wohlthätiger englischer Glaubensgenossen nach Australien geschickt worden. Sie hatten in den größeren Städten Gemeinden gebildet, Synagogen und Schulen errichtet. Ludwig fand bei ihnen das freundlichste Entgegenkommen, und mit innigstem Dankgefühle sprach er am kommenden Sabbat in der Synagoge das Gebet, das die aus großer Gefahr Erretteten öffentlich beten sollen. Seine neuen Freunde baten ihn, eine Zeit lang in Australien zu verweilen uub in dem milden und gesunden Klima der Seeküste seine angegriffene Gesundheit wieder herznstellen. Allein Ludwig vermochte die Sehnsucht nach den Lieben in der Heimath nicht länger zu bemeistern. Er miethete einen Platz auf dem zunächst nach Europa abgehenden Dampfboote. Es war eine lange Fahrt und doppelt beschwerlich durch die Entbehrungen, die Ludwig sich auflegen mußte. Während die Mitreisenden gar herrlich speisten, mußte sich Ludwig mit der einfachsten Kost begnügen, wiewohl er für die erste Cajüte bezahlt hatte. Die Tampfbootfahrten währten damals viel länger als heutzutage, und noch jetzt beansprucht die Reise von Australien nach Europa eine geraume Zeit. Es wurde Ludwig diesmal viel schwerer!, die jüdischen Speisegesetze zu beobachten.