Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 75-76 (18.9.1884)
- Date
- 1884-09-18
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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1267 * übermittelten Wortlaute ein bedeutungsvolles Wörtchen stand, das leider im Drucke fortgeblieben ist; nach meinen Informationen, die von einer der höheren Unterrichtsanstalt nahe stehender Seite Herruhren, hat der Minister verfügt, daß „fernerhin nicht mehr Rücksicht zu nehmen ist." Der Minister gebietet also die bisher geübte Toleranz in Zukunft nicht mehr walten zu lassen! Aber auch mit dieser Aenderung unterscheidet sich der Wortlaut der „Jüd. Pr." und des „Israelit" nur, dadurch, daß nach elfterer verfügt wurde, „es soll keine Rücksicht genommen werden," während in Wirklichkeit der Minister verfügt hat, „es ist fernerhin nicht mehr Rücksicht zu nehmen." Diese beiden Sätze sind aber, wie mich bedünken will, absolut gleichbedeutend: Ob an Sonnabend etwas oder nichts geschrieben werden, ob man bitten oder fordern, ob der Schüler oder der Vater die Initiative ergreifen soll, kommt hierbei durchaus nicht in Betracht; die verhängnißvolle Bedeutung der Sache liegt allein darin, daß der preußische Kultusminister in einer Verfügung den Schuldirektoren ansdrücklich verbietet, fernerhin auf die religiösen Gefühle der jüdischen Schüler Rücksicht zu nehmen. Wenn die bisherigen Zustände beibehalten werden sollten, wozu die Verfügung? Wir glauben, ein solches Rescript ist gerade hinreichend, um einem antisemitischen Gymnasialdirektor die Handhabe zu bieten durch allerhand Chikane seine gesetzcstrcuen Schülern die Freude am Unterricht gründlich zu verbittern. Gewiß wird jeder wahrhaft fromme Schüler allen Verlockungen und Ueberrcdungskünsten seiner Herren Lehrer ein staudhaftes „Nein" entgegenstellen., doch wird chm bei ununterbrochener Verlegung der schriftlichen Arbeiten auf Sonnabend etwas anderes übrig bleiben, als die Schule zu verlassend Wird nicht jeder Direktor das Recht haben, sich alleu Bitten gegenüber auf die stricte Verfügung des Ministers zu berufend Deshalb ist es Pflicht hier Remedur zu schaffen, soweit es in unseren Kräften steht; eine gemeinsame Petition sämmtlicher preußischer Rabbiner ist dringend nothwendig und wir zweifeln keinen Augenblick, daß kein einziger Rabbiner weigern dürfte, seine» Namen unter eine Bittschrift zu setzen, welche die Aufhebung oder zum mindestens eine Modificirung der verhängnißvollen Ministerialverfügung erstrebt. Verden, 16. Sept. Vor einigen Tagen wurde Herr Banquier M a x L e h m a n n, Hierselbst, welcher von seiner Hochzeitsreise zurückkehrte, seitens der hiesigen, freiwilligen Feuerwehr, deren Schriftführer er ist, durch einen Fackelzug, verbunden mit Abendmnsik, ausgezeichnet. Ihnen dies mitzutheilen, dazu hat mich besonders der Umstand veranlaßt, daß hier, judenfreundliche Kundgebungen nicht gerade zu den alltäglichen Vorkommnissen gehören. Da man sich dergleichen Ovationen, einem Juden dargebracht, in hiesiger Gegend nicht so leicht erinnern dürfte, so erscheint das Mitgetheilte gerade in unserer Zeit um so erfreulicher. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. Folgende pikante Episode von den letzten Manövern der österreichischen Armee auf dem Marchfelde dürfte auch außerhalb Oesterreichs in weiteren Kreisen Interesse erregen. Der Oberst eines in der Nähe von Wien garnisonircnden Regiments wendete sich an den ihm persönlich bekannten Arzt Dr. Neuwirth in Angern mit der Bitte, ihm für die Dauer der Manöver, zu welchen er konnnandirt sei, in Angern ein Quartier auszumitteln. Nur wäre es ihm sehr erwünscht— so schrieb der Oberst — wenn die Ouartiergeber keine Juden seien. Darauf erhielt der Oberst, nach dcm B. E., von Dr. Neuwirth folgendes Schreiben: „Sehr geehrtester Herr Oberst! Der Eventualität, bei Juden eiuqnartirt zu sein, sind Sie durch die Umstände bereits enthoben. Es befinden sich nämlich in Angern nur zwei jüdische Familien. Die chic beherbergt den Erzherzog Albrecht, bfc andere den Erzherzog Wilhelm. Diese andere Familie ist diejenige Ihres ganz ergebenen Dr. Neuwirth." Mischkolz, 12. Sept. Am 9. d. M. verließ der Schwiegersohn unseres hochgeehrten Oberrabbiners, Herr Rabbiner L. Marmorstein unsere Stadt, um nach seinem neuen Bestimmungsorte, nach Schildberg (Posen), wo er als Rabbiner angestcllt wurde, zu übcrsiedlen. Die allgemeine Achtung und Liebe, die Herr Rabbiner Marmorstein während seines dreijährigen hies. Aufenthaltes sich zu erwerben verstand, zeigte sich auch bei dieser Gelegenheit recht deutlich. Eine große Anzahl von Freunden und Bekannten, so wie auch die Vorstände der Gemeinde und der Ehewra-Kadischa gaben dem jungen Rabbiner das Geleit. Am Sabbat ton 'o hatte er hier in der großen Synagoge seine Abfchiedsrede gehalten, die auf alle Zuhörer einen tiefen, nachhaltigen Eindruck machte. Möge es diesem in jeder Beziehung tüchtigen, besonders aber mit gründlichem talmndischen Wissen