Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-09-18 · Heft 75-76 (18.9.1884) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 75-76 (18.9.1884)
Date
1884-09-18
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449478--20867-2510417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

£&V. Jahrgang. : ' " Imrrtk Beilage M Nr. 78 Z- 70 des Israelit. Leitende Zlrtikel. Hleujafirs-Betrachtungen aus Hesterreich. Wien, 14. September. Ein neues Jahr öffnet seine Pforten! Es ist also auch unsere Pflicht, die wichtigsten Ereignisse des ablaufenden Jahres zu betrachten; vielleicht bringt uns eine derartige Revue manchen moralischen Gewinn. Ein nicht unbedeutendes Kleingewehrfeuer des antisemitischen Guerillakampfcs eröffuete den Neigen unserer noch andauernden Scharmützel mit den Aposteln des antisemitischen Hexenkessels. Hierauf folgten die denkwürdigen Redeschlachten der ungarischen Volksvertreter in der Debatte über die Ehe zwischen Christen und Juden. Einen komischen Beittag für die antisemitischen Agitationen während der darauffolgenden Neichrathswahlen mag folgendes Histörchen liefern: In Fortö-Szent-Miklos (Comitat Oedcnbnrg) wohnte bis vor Kurzem ein gewisser Herr Josef Wittmann, derzeit Weingroßhändler in Wien VI. Webgaffe 36. Herr Wkttmann war so unglücklich, während der heurigen Wahlcampagne von denPhilosemiten als Hauptagitator der Regierungspartei ernannt zu werden. Sein Gegner, ein noch.'kaum der Schule entwachsener Chirurge und Medicinal- Doctor Brany benutzte einen plötzlichen Sterbefalt eines daselbst domicilirten Wahlmitgliedes (nebenbei eines notorischen Raufboldes des betreffenden Städtchens) zu einer antisemitischen Hetze. Es hieß nämlich, daß Magi Jstvk (dies der Name des plötzlich verstorbenen Trunkenboldes) von den Juden vergiftet worden sei. Obgenannter Herr Wittmann ließ sich dadurch nicht abschrecken und verlangte zur Constatirung der Todesursache eine gerichtliche Obductton der Leiche. Dieselbe ergab auch ein sehr schönes Armuthszeugniß für die medicinischen Kenntnisse des jungen Aesculapjüngers. Der Bezirksgerichtsarzt Dr. Vogel ans Kapwar constatirte im Beisein mehrerer medicinischer Capacitäten „gallopirende Lungenentzündung" alsTodes- ' Ursache, worauf Dr. Brany seinen schrecklichen „Jrrthum" durch eine unbeschreibliche Schamröthe entschuldigte, und von Allen verlacht, stillschweigend die gerichtliche Commission verließ. Dieser Fall allein beweist, daß noch viele Gegenden unserer Heimath den schamlosen Hetzereien gewissenloser Agitatoren preisgegeben sind, was also durchaus nicht zur Annahme berechtigen kann, die Hände im Schooße haltend, diesem wüsten Treiben ruhig znzusehcn; denn der Antisemitismus darf bei uns keinen günstigen Boden finden, er muß ebenso rasch vernichtet werden, tvie er gekommen. Erwähnenswerth ist aber der Umstand, daß gerade bei uns die conservativen Elemente unserer Glaubensgenossen weniger passiv vom Antisemitismus berührt werden, als unsere sogenannten „Reformirtendenn diese, allzu indifferent gegen Alles, was nnr den Namen „jüdisch" hat, wissen thatsächlich nicht, warum sie verfolgt und beschimpft werden und verdienen auch vollkommen das bei uns gangbare Attribut „semitische Antisemiten" Zur drastischen Illustration dieses schönen Prädicates möge Folgendes dienen. In Nenpesth (Ungarn) exiftirt seit Kurzem eine reformirte jüdische Gemeinde, deren Seelsorger derart seine Gemeinde zu reformkrcn trachtet, daß man bald nicht wissen wird, ob man unter den Anhängern Scoedenborgs, oder unter ehemaligen Juden weilt. Man erzählt sich als Curiosnm, daß ein sehr naher Verwandter, wenn ich nicht irre, sogar der Sohn des rcformirtestcn aller Reformrabbincr ein tüchtiger Mitarbeiter eines antisemitischen, ungarischen Blattes sein soll! Eine Situation, die nur der begreifen kann, wer die Triebfedern des Antisemitismus beobachtet hat. Der Sohn des Reformrabbiners innß selbstverständlich mit antisemitischen Bomben in die indifferenten Gemeindcmitglieder hineinfeuern, dainit diese erst bewußt werden, daß sie Inden sind. Nun suchen diese „Juden" eine Rettung und kommen vom Regen unter die Traufe; denn der Reformrabbiner predigt seiner Heerde von Heilmitteln und aberinaligen Reformen und der Neupesther Neformprediger gründet sogar eine neue Sette, die selbstverständlich nicht auf dem Boden des „verhaßten" Talmud entstanden, deren Anhänger aber doch dem Antisemiten gegenüber verhaßter sind, weil die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.