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Der Israelit · 1884-09-08 · Heft 72 (8.9.1884) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 72 (8.9.1884)
Date
1884-09-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1201 reinigen und stürzte, das Ei, welches sie mit dem Teige zu vermengen im Begriffe war, noch in der Hand haltend, zur Thüre hinaus. Aber in sprachloser Bestürzung blieb sie ans der Schwelle stehe» und das Ei fiel ihr aus der Hand, ohne daß sie es merkte, obgleich der Inhalt desselben den Saum ihres Kleides tränkte. — „Du kommst ganz allein zurück, Nathansohn?" — frug sie, die Hände zusammenschlagend, (wobei sich ein Stückchen Teig von ihren Fingern löste und an ihrer Wange kleben blieb), — „Wo um Himmelswillcn hast Du die Nahel und die Kinder gelaffen?" — „Der Kukuk weiß es!" — erwiderte Nathansohn ärgerlich, indem er aus dem Wagen sprang. „Das Mädchen muß den Zug verspätet haben!" „Den Zug verspätet?" — wiederholte Frau Nathansohn, wie geistesabwesend. „Ja, den Zug verspätet!" — fuhr Nathansohn erbittert fort. — „Es ist aber sehr rücksichtslos von unserer Nahel, daß sie uns nicht ihre Verspätung durch eine Depesche augezeigt hat. Die Nahel sollte es wohl wigen, das; ihre Mutter sich ängstige werde, und daß ihr Vater kein Jüngling mehr sei, den man ohne Bedenken bei Wind und Wetter ziel- und zwecklos auf der Landstraße umhcrjagen darf!" — „Die Nahel ist mit dein Zuge nicht gekommen?!" — entrang es sich aus dem geängstigten Heiden der Frau Sarah. — „Höre Vater! Da muß sich etwas ganz Besonderes ereignet haben; sonst würde uns Nahe! von ihrer Verspätung in Kenntnis; gesetzt haben! Ich fciiue meine süße Nahel, daß sie nicht unnützer Weise ihre Eltern ängstigt." „O, mein Gott" — jammerte sie weiter. „Wenn nnr mein liebes, gutes Kind nicht erkrantt ist!" „Ach was!" — entgegnete Nathansohn, verächtlich mit den Schultern zuckend, — „Du siehst gleich Gespenster am hellen, lichten Tag! Was soll sich ereignet haben, oder was soll unserm Kinde Angestoßen sei»? Nichts, ja gar nichts! Erkrankt soll unsere Nahel sein? Lächerlich! In ihrem Alter erkrankt man nicht über Nacht derart, daß man nicht im Staude sei, einige Zeilen zur Beruhigung der Eltern zu schreiben. Sie lvird den ersten Zug verschlafen haben, sonst nichts!" — „O, güttger Gott" — klagte Sara. — „O, daß Du gebest, daß Heinrich recht behalte!" „Siehst Du, Heinrich," — fuhr sie zu ihrem Manne gewendet fort — „hättest Du doch auf mich gehorcht und die Nahel mit den Kindern selber von St.... abgeholt, wie es ja auch ursprünglich projectirt war, anstatt dem armen Kinde diese Last anfzubnrden, o, diese Todesangst wäre mir jetzt erspart geblieben. Aber Du vergißt es stets, daß ich nicht immer unrecht habe!" „Und Du" — erwiderte Nathansohn verdrießlich — „scheinst zu vergessen, daß ich heute noch nichts Geschcdites genossen nnd daß ich vier Stunden auf der Landstraße hungernd zugebracht habe." „Wann kommt der nächste Zug?" frug Sara unbeirrt lveiter. Nathansohn zog seine Uhr. „In zwei Stunden!" lautete seine Antwort. „Und wird sie mit diesem Zuge kommen?" — frug Sara weiter. „Wahrscheinlich!" entgegnete Nathansohn. „Du wirst doch noch einmal nach P... fahren Heinrich!" — sagte Sara und legte ihre Hand vertraulich auf seine Schulter. „Nein!" — erwiderte Nathansohn —„es ist schon zu spät! Auch werde ich mich kaum entschließen können, ohne Gewißheit ihrer Ankunft noch einmal vergeblich nach P... zu fahren!" „Du zweifelst also" — sagte Sara mit Thränen in den Augen — „daß unser Kind heute noch überhaupt eintreffe? O, mein Gott, wie werde ich diese Qual ertragen können!" „Laß das Gejammer, Alte!" — sagte Nathansohn — „Und sorge, daß ich etwas zu essen bekomme!" Unmuthig ging Nathansohn in die Stube nnd Frau Sara zerdrückte eine Thräne nnd folgte ihm dorthin. Bald dampfte eine warme Suppe auf dem Tische. Bei den Dampfwölkchcn der Speisen, die das liebevolle Mutterherz für das heimkehrende, einzige Töchterchen zubereitet hatte, wichen die Wolken dcsAcrgers und Verdrusses von Nathansohns Stirn und machten einer besorgten Unruhe und einem bangen Erwarten Platz. Nachdem Nathansohn seinen Hunger befriedigt hatte, griff er nach der Zeitung, die der Postbote, vor wenigen Augenblicken gebracht hatte. Gleichgiltig glitt sein Auge über das Blatt. Plötzlich fuhr er, lvie tödtlich vom mörderischen Stahle getroffen, zusammen, starrte bleich lvie der Tod vor sich hin, dann raffte er sich wieder auf, griff nach seinem Herzen, als ob er das heftige Pochen dort beschwichtigen wolle und las: „St... Gestern Abend brach in der Königstraße im Hause Nr. 12 Feuer aus und in wenigen Stunden lvar das Haus ein Naub der Flammen geworden. Trotz der Anstrengung der Feuerwehr-

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