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Der Israelit · 1884-08-28 · Heft 69 (28.8.1884) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 69 (28.8.1884)
Date
1884-08-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1152 keine Zeit für Gott. Nicht mehr ist die Religion uns Leben und das Leben nicht mehr Religion. Und so sind Gott uitb Religion heute für Viele todte Begriffe, höchst gleichgiltige Dinge, von denen man weder leben noch zehren kann. Und daher die traurige Erscheinung, daß wir heute ein jüdisches Volk haben ohne Judenthum, eine jüdische Religion ohne Bekenner, einen Gott und Schöpfer, den die Geschöpfe verleugnen. Es muß gewiß schlimm um den religiösen Sinn der heutigen Juden bestellt sein, wenn eine ncologe Rabbinerversammlung von heute es für nöthig findet, auf Mittel zu sinnen, um den religiösen Sinn zu heben. Es ist wohl das vernichtendste und demüthigendste Zeugniß, das sich die Neologie hier öffentlich ausgestellt hat. Seit Dreivierteljahrhundert hat man unter dem Vorwände, das Judenthum zu heben, daffelbe an Haupt und Gliedern reformirt, und schließlich stellt sich heraus, daß sein religiöser Sinn dabei wegamputirt wurde, seine Religion ihm dabei verloren gegangen. Und diesen Männern, diesen Führern wird man doch glauben, sie müssen doch am Besten wiffen, wie es unter ihren Gemeinden aussieht. Und was nun thun?! Wird man sich weiter schämen und ruhig zusehen, daß man nach und nach immer mehr einen Ausnahmezustand schafft? Während die große Welt wieder mit aller Macht danach ringt, der Religion wieder Eingang in die Herzen der Menschen zu verschaffen, sich wieder ein Heiligthum zu geben, die Gottesanschauung und Gottesfurcht wieder zu heben und zu erwecken, will der moderne Jude sich mehr und mehr die Gottesfurcht aus seinem Herzen.reißen, kalt und ungerührt bei allen Zeichen der Zeit, bei allen Vorkomnmissen des Lebens über die Dummheit der Menschen lächeln, die noch an die Vorsehung glauben, auf sie hoffen, vor ihr sich beugen und will selbstzufrieden ans seine Bildung, auf seine Wissenschaft sich stützen und Alles natürlich finden?! Natürlich finden selbst seinen Zwiespalt und Widerspruch mit der großen gebildeten Welt? Wir sehen aber nicht so hoffnungslos in die Zukunft. Wir sind fest überzeugt, daß, wenn die Anzeichen von dem ernsten Bestreben der Mitwelt nach Erweckung und Belebung des religiösen Sinnes etwas festere Gestalt gewonnen haben werden, der Jude der Neuzeit auch diesem neuen Zeitgeiste Rechnung tragen wird und die schlimmen Folgen der Reform des Judenthums auch ihm klar vor Augen treten werden. Wir haben in den letzten Jahren so manche ernste Umwandlung des Zeitgeistes kennen gelernt, wir haben gesehen, daß, was wir Alle für unmöglich gehalten, dennoch möglich geworden und sollten diese Warnung beherzigen, diese ernste Mahnung nichtungehört an unserem Ohre verhallen lassen. Der Gedanke an Gott und Sein Walten wird gewiß bei Manchem, der nicht mehr an Ihn gedacht, wieder erwacht sein. Jedenfalls steht es uns Mensche» allen besser an, als der Spott und die Verachtung, die man der Lehre von Gott, die man der Religion so vielfach und leichtfertig entgegengebracht. Das war keinesfalls religiöser Sinn. So gehe man hin und schaffe sich einen neuen religiösen Sinn. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Ans Süddeutschland. In mehreren Blättern war kürzlich von Seiten des israelitischen Gemeindebundes eine Annonce erlassen worden, durch welche Handwerker, welche bereit sind, jüdische Lehrlinge aufzunehmen und dieselben am Sabbat von der Arbeit zu dispensiren, ersucht worden, ihre Adressen anzugeben. Diese Bekanntmachung ist in verschiedener Hinsicht erfreulich. Die Förderung des Handwerks bei unseren Glaubensgenossen ist an und für sich ein verdienstliches Werk, denn das Sprichwort: Handwerk hat einen goldenen Boden, ist auch noch in unserer Zeit wahr,'wo bei der erdrückenden Concurrenz, die sich in allen Geschäftsbräuchen geltend macht und bei der Ueberproduktion, die notorisch in allen der wissenschaftlichen Carriere angehörenden Berufsarten vorhanden ist, dem tüchtigen Handwerker noch am ersten Gelegenheit zur Gründung einer Existenz geboten wird. — Der israelitische Gemeindebund ist aber gewiß von einem höheren Gesichtspuntt geleitet, indem er die Unterstützung und Ausbildung von Handwerken: mit zu seiner Aufgabe macht. Es gibt unstreitig auch heute in Stadt und Land allerwäcts jüdische Handwerker, die ihren Beruf in Ehren erfüllen, und doch ist das Vorurtheil, daß der Jude der wirklichen Arbeit feind sei, noch lange nicht ausgerottet und hundert Male widerlegt, erheben unsere Feinde immer wieder auss Neue die durchaus grundlose Anklage gegen uns. Durch die Förderung des Handwerks bei unseren Glaubensgenossen geschieht also gleichzeittg dem Judenthum in seiner Gesammthekt eine Wohlthat, msosern damit zur Zerstörung eines allgemein' verbreiteten Vorurtheils beigettagen wird, uud mit jedem braven Jüngling, der zu einem ordentlichen Handwerker herangebildet wird, wird nicht nur diesem das Mittel in die Hand gegeben, sich durch seiner Harcke ÄÄeit ehrlich und redlich zu ernähren, sondern es wirß auch *

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