Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 67 (21.8.1884)
- Date
- 1884-08-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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<D6Tö ^erschollen und vergessen. C IL Wie schon war es in dem in der Itähe von M. gelegenen englischen Garten! Es war ein heißer Sommernachmittag. Die ganze elegante Welt von M. suchte Kühlung und Erholung unter dem Schattendache der vielhundertjährigen Buchen. Ein Musikcorps spielte die herrlichsten Weisen. Die Kellner rannten hin und her, um die zahlreichen Gäste zu bedienen. Die Damen nahmen meist Fruchteis und Eiswaffeln, die Herren tranken Bier und aßen Brod dazu. An einem Tische saßen Herr Frank, seine Frau, seine Tochter und deren Bräutigam Ludwig Bär. Ihnen gegenüber hatten sich Ferdinand Kopp und die beiden Schwestern Ludwigs placirt. Es war Sabbat; die Herren waren in Folge dessen von Geschäften frei und konnten sich ungestört der Ruhe und der Erholung widmen. „Warum issest Du nichts?" fragte Dorothea zärtlich ihren Bräutigam. „„Ich kann kein Brod essen,"" antwortete dieser, „„und die zuckersüßen Eiswaffeln würden wenig zu dem bitteren Biere munden."" „Und warum kannst Du kein Brod essen?" „„Ich werde mir vom Kellner zuvor Wasser bringen lassen, um mir die Hände zu waschen."" „Aber, lieber Sohn," sagte Herr Frank, „Sie sind in Ihren Anschauungen noch schrecklich weit zurück! Wir müssen uns allmählich frei machen von all den lästigen Vorschriften, die unser Leben beengen. Wir streben mit allen Kräften darnach, die vollständige politische und sociale Emancipation zu erringen. Können wir das, wenn wir starrsinnig alle die Schranken auftecht erhalten, mit denen unseren Altvordern uns umgeben haben? Unsere Kinder und Enkel wollen Staatsbeamte und Offiziere werden — da muß mau ihnen freie Bahn schaffen, damit all die rabbinischen Umzäunungen sie in ihrer Carriöre nicht hemmen." „„Gestatten Sie mir, verehrter Herr Schwiegervater,"" eutgegnete Ludwig bescheiden, „„in dieser Beziehung anderer Ansicht zu sein. Vor Allem erlaube ich mir zu bemerken, daß wir nicht das Recht haben, um irdischen Bortheils willen uns über irgend eine religiöse Vorschrift hinwegzusetzen. Aber auch abgesehen davon, gebieten gerade die gegenwärtige» Verhältnisse ein um so strengeres Festhalten an den Religionsvorschristen, jemehr die bevorstehende Emancipation uns in das allgemeine Eulturleben hineinsührt und die religiösen Bai,de zu lockern droht. Ohne Tempel und Hierarchie, ohne Staat und staatliche Einrichtungen hat sich das Judenthum inmitten der größten Bedrängnisse intact erhalten. Wem haben wir das zu verdanken? Lediglich den Umzäunungen, mit denen unsre Weisen das jüdische Religionsgesetz umzogen haben."" „Aber diese Umzäunungen paffen nicht mehr für die neue Zeit. Sie stören und hemmen uns bei jedem Schritt. Sie schließen uns von dem Verkehre mit unfern Mitbürgern mehr als gut ist, ab. Sie hemmen den geschäftlichen Verkehr und legen uns überall Schranken auf." „„Aber, lieber Papa, das ist ja gerade der Begriff der Religion, daß sie uns Schranken auflegt und uns nicht immer gestattet, das zu thun, was wir gern thun möchten."" „Freitch, freilich, wenn Dasjenige, was wir thun möchten, schlecht und böse ist. Was. aber ist Böses dabei, wenn man ein Stückchen Brod ißt, ohne sich vorher die Hände gewaschen zn haben? Der Kern unsrer heiligen Religion ist gut und schön. Die viele Emballage aber, mit der man im Laufe der Jahrhunderte diesen Kern umgeben hat, ist viel zu beschwerlich, um sie noch weiter mitzuschleppen. Werfen wir die Schale lveg, damit der Kern uns erhalten bleibe." „„Das ist in der That das Stichwort unsrer Zeit; aber cs ist durchaus unrichtig. Wie in der Natur eine Frucht nicht wachsen kann ohne Kern und Schale, so ist es auch im religiösen Leben. Das, was Sie Kern nennen, würde bald verkümmern und ganz verschwinden, wenn Sie es dessen entkleiden wollten, was Sie als Schale bezeichnen. — Kellner,"" rief er dem Borttbereilcnden zu, „„ein Glas Wasser!"" „Du wirst Dir doch nicht," sagte Dorothea, „hier vor aller Welt die Hände waschen wollen? Bedenke, welch unliebsames Aufsehen das erregen würde? Hier, vor aller Welt, in Gegenwart der vornehmsten Gesellschaften von M.!" „„Gut, dann werde ich kein Brod essen!"" „Du sollst aber Brod essen, ohne die Hände zu waschen!" „„Du kannst ja Handschuhe anziehen!"" sagte Ferdinand.