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Der Israelit · 1884-08-04 · Heft 62 (4.8.1884) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 62 (4.8.1884)
Date
1884-08-04
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1040 3ic endete das Lied mit einem schmerzlichen: „Ach!" Ihr Blick war unverwandt auf das Bächlein gerichtet, welches den kleine» Uferblumen in jugendlicher Eile liebliche Schmeicheleien zufliifterte, worauf die vorsichtigen Blumen ungläubig die Köpfchen schüttelten. Aber sie achtete nicht auf dieses muntere Spiel — sie träumte. Auf einer heitern, sommerlichlachenden Wiese fand sie sich im Kreise ihrer heimathlichen Gespielinnen. Das Leben hatte sie mit keiner Sorge noch bedrängt und diese glückliche Jugend machte sie zuversichtlich. ' Sie betrachtete ihr künftiges Leben als ein wünschenswerthes Geschenk, mit dem sie die Götter ihrer Heimath einst überraschen werden. Es kam anders. Krieg brach über Moab herrein; die Jndäer sengten und verwüsteten das Land, vernichteten die männliche Kraft des moabitischen Volkes und führten die Frauen und Mädchen als Gefangene heim. Sie siel in die Hände einer Kriegerschaar, deren Anführer ihren Besitz als Beuteanthcil beanspruchte und erhielt. Von einer harten Hand aus ihrer Traumwelt herausgerissen, stürzte sie verzweifelnd in das traurigste (5-rdcnlebcn. Als sich der laute Schmerz gelegt hatte, der sie unfähig machte, anderes als ihren Kummer zu empfinden, fand sie sich in einem kleinen Stübchen, wo man ihr nach hebräischer Sitte einen Monat lang vergönnte, in stiller Einsamkeit um die verlorenen Lieben zu trauern. Niemand brachte ihr Nachricht über das Schicksal der Unglücklichen, und selbst ihre Zukunft enthüllte man ihr spärlich. Jenes süße Gift, das sie von Jugend auf leidenschaftlich eingesogen, die schwärmende Hoffnung, machte sie glauben, daß der Mann, dem sie jetzt angehörte, ihre Wünsche erfüllen würde und in stiller Ergebenheit hörte sie auf zu verzagen. Der Monat war um, und sic wurde ihrem Manne zugeführt. Ach! welch ein rauhes Leben bedrohte sie an seiner Seite! Ein wilder, unempfindlicher Krieger, der Schrecken der friedsamen Waldthiere, ein roher, unfreundlicher Gefährte-o, das war nicht der Jüngling ihrer Träume. Ein stiller, verzehrender Schmerz senkte sich in ihre Brust und vernichtete gänzlich ihr kindlich heiteres Gemüth. „Ach, das ist -meines Lebens Frühling", rief sie erwachend und bedeckte ihr thränendes Antlitz mit dem Gewände. So lag sie bewegungslos. Sie überhörte es, daß sich jemand der Laube näherte. Es war Lothan, ihr Schwager, welcher auf dem Kieswege vor dem Eingänge stehen blieb und leise: „Tinah!" rief. Aber Dinah hatte ihr Schmerz gctäubt, und sie war, selbst für diese liebe Stimme, der sie sonst mit sanftem Lächeln folgte, unempfindlich geworden. Da schritt Lothan weiter, den Hain verlapend, und begab sich zu seiner Arbeit. Als Nadob gestorben war, fiel das Hänschen mit seinem Garten und den nahen Feldern seinen beiden Söhnen Obed und Lothan zu. Die beiden Brüder liebten sich, trotz der außerordeittliche» Karakterverscheidenheit herzlich. Obed hatte von jeher Luft an kriegerischer Beschäftigung, Jagd und Kampfspielen gezeigt und da er jetzt unumschränkter Herr im Hause würde, überließ er die Verwaltung des Erbes gänzlich seinem jünger» Bruder und suchte die Gazellen im tiefsten Walde auf. Seine Lebensweise hatte ihn hart und unliebsam, aber nicht schlecht gemacht, und war er auch ein rauher Gemahl, so war er doch ein treuer Bruder. Lothan war im väterlichen Hanse Hirte gewesen, und die milden sternhellen flächte hatten sein Gemüth gebildet. Er war sanft, still und schüchtern. Nach dem Tode des Vaters sorgte er für das Erttägniß des Feldes, ferner fiir die Pstege des Gartens und führte dabei ein wenig bewegtes Leben, das ihm ausnehmend gefiel. Da brachte Obed aus dein moabitischen Kriege, von welchem ihn seine Jugend fern hielt, eine Sklavin heim, welche sich sein Bruder zur Gattin bestimmte. Lothan war nicht gewohnt zu denken und wartete daher ab, wie sich nun seine Stellung verändern werde. Aber es trat äußerlich keine Aenderung ein, und dennoch fühlte er, daß es nicht mehr so war wie vordem. Obed zwar blieb derselbe unzugänglich rauhe Mann, der all seine Zeit im Walde verlebte, der die saftigen Schenkel eines jungen Rehes höher schätzte als die Liebe seines jungen Weibes. Lothan aber sah seine Gleichgültigkeit für die Menschen, die er sich sonst eingebildet hatte, täglich mehr schwinden, und empfand immer innigere Theilnahme mit dem Schmerze Dinahs, den er zu verstehen begann. Sie klagte ihm nie, aber er erricht sie, weil auch er sich von einem solchen Verhältnisse andere Vorstellungen machte. Er zürnte seinem Bruder, daß er ihren stummen Klagen gegenüber gleichgiltkg blieb, ja sie vielleicht gar nicht merkte. Er versuchte ihr das an Liebe zu ersetzen, was ihr von Seite ihres Mannes abging. Seine Pflicht fesselte ihn oft an das Haus, und so verbrachte er zahlreiche Stunden in ihrer Nähe, was für die Entwicklung eines wannen, freundschast. lichen Verhältnisses sehr günstig war. Er suchte sie, wenn er den Tag nicht auf dem Felde zubrachte, Nachmittags in der Laube auf, um sie in das Haus zu begleiten, wo er in ihrer Gegenwart seiner' Be-

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