Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 57 (17.7.1884)
- Date
- 1884-07-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Städtchen, beabsichtigte er mm mit seiner Gegenwart zu beehren. Man kann sich denken, wie dies die guten Ramstädter in Aufregung versetzte; als aber erst die großen Zettel auf dem Marktplatze und ain Nachhause angeschlagen wurden und in mächtigen Buchstaben verkündeten, «daß der berühmte Gymnastiker El. I. Scha zum allerersten Male" in Namstadt aufzntreten gedenke, da kannte ihre Neugier keine Grenzen mehr, und am ersten Abend war der zur Vorstellung hergerichtete Saal bis ans den letzten Platz gefüllt. Jetzt trat der jugendliche Gymnastiker, ein Knabe von etwa sieben Jahren, in den Raum und begann «Erstaunliches zu leisten". Alles blickte gespannt auf ihn, nur ein feiner, alter Herr , der auf dem ersten Platze saß, schien auf etwas anderes zu achten. Er vernahm ein leises Jammern hinter der Bühne; er stand auf und dem Laute folgend, Verließ er den festlich geschmückten Saal. „0 mon eher enfant!“ hörte er nun ein Weib jammern, das in einer Ecke kauernd ihn nicht bemerkte. «Allmächtiger Gott, beschütze mir es, es ist ja meine einzige Freude; laß cs glücklich herabkonnnen von der gefährlichen Stange und entreiße es den Händen des bösen Mannes. Ich habe ja nichts dawider, wenn Du mich fortnehmen willst von dieser Erde, aber meinen süßen Knaben laß mir leben und mache ihn glücklich. 8i mon Dien ne sauvera pas mon enfant! ich bin verloren. Du, Gott, der Du die Raben nicht verhungern läßt, ne quitte pas mon enfant bien aimei" Der alte Manu war aufmerksam dem cigenthümlichen und doch so herzlich vorgebrachtcn Gebete gefolgt. «Sie sind die Mutter dieses Knaben, werthe Frau?" fragte er. ,,A.h, vous avez, monsieur-" „Mir können Sie vertrauen," erwiderte der alte Mann, «ich meine cs gut mit Ihnen; erzählen Sie, wie kommt Ihr Kind unter die Seiltänzer und warum weinen Sie so sehr?" «0 eher monsieur! Weil er nicht kann leben wie ein frommer JeHnda und weil er hat une vie plein de skono,*) wie sollte ich da nicht weinen?" Auf sein Drängen' erzählte nun die Frau, daß sie in Limersheim geboren und daß ihr Mann Religionslehrer in Treuchtcrsheim war. Als er gestorben, stand sie mit ihrem Kinde allein in der Welt; der Circusbesitzer benutzte ihre Nothlage und so war nun Alles gekommen. Das Herz der jüdischen Mutter wollte aber schier zerspringen, wenn sie ihr Kind da hinaufklettern sah in die gefährliche Höhe. Tief gerührt hörte der Mann mit zu. ' Ein donnernder Applaus war den Leistungen des Kindes gefolgt, doch traurig, wie cs gekommen, kehrte es wieder zurück hinter die Coulissen. Jubelnd empfing es seine Mutter. „Dem Ewigen sei Dank!" rief sie freudig aus; „Er hat mir ja mein Kind beschützt!" Da trat der alte Mann hinzu: „Er wird cs auch noch weiter beschützen;" sagte er, „ich bin sehrreich und ein frommer Jehuda. Wenn Sie wollen, liebe Frau, so nehme ich den Knaben zu mir an Kindesstatt." „O scherzen Sie nicht mit einer unglücklichen Mutter," rief die Frau voll Angst und Hoffnung den alten Mann ansehend. Statt aller Antwort wandte sich dieser zu beut Knaben: „Willst Du mein Kind werden, guter Junge?" fragte er. „Muß'ich bei Dir auch auf dem Seile tanzen?" erwiderte treuherzig der Knabe. „Nein," entgegnete der alte Mann, „Du sollst; mein gutes, treues Kind sein und ich will Dein lieber Papa werden." „So lieb und gut wieder, der mir gestorben ist?" fragte das Kind wiederum. „Ja, ja," flüsterte der alte Mann heftig bewegt, nnd eine Hundertjahr-Blume, die Frcudenthräne eines Greises, fiel in den Sand. *) Gefahr.!! 3>ur gefäA. Mecrchtung!s! Pa es in neuster Zeit oft vorkam, daß Briefe mit Ilerthinhatt nicht zu unseren Künden gelangten, so machen wir wiederholt darauf aufmerksam, daß wir etwaige Merlnste nicht tragen können und kitten «achdrüikkichst, feküst die Kleinsten Werthfendungen uns durch Postanweisungen oder eingeschrievene Briefe zu üöermitteln. Pie Krpedition des „Israelit".