Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 44-45 (5.6.1884)
- Date
- 1884-06-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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741 seinen dunklen, winkligen und engen Gassen, seinen mehrere Stockwerke hohen Hausern, die wie alte Festungswerke anssehen, seinen ttcfbimfien Läden und seinen Hansen Schmutz. Die Bevölkerung beträgt — wie cs heißt — 40,000 Seelen, worunter 1000 Israeliten, keine Christen. Die Muhamcdaner geben sich dem Handel mit Häuten und baumwollenen Geweben hin. Die Häute dienen zu ihrem Schnhwcrk, den offenen Pantoffeln, und die Baumwollenstoffe, blau gefärbt, zur Anfertigung blauer Blouseu, dem Hauptbeklcidungsstnck der dortigen Bauern und Bäuerinnen. Die Industrie ist eine sehr primitive: sie besieht in der Fabrikation von groben Töpfer- und Glaswaaren und in der Verarbeitung der Häute. Die muhamedanischeu Handwerker haben in den letzten. JOO Jahren nicht die mindesten Fortschritte gemacht. Bor einigen Jahren schlug einer der angesehensten Leute der Stadt' einigen muselmännische:: Glasern vor, sie nach Europa zu senden, damit sie sich in ihrem Handwerk vervollkommcncn könnten; der Mufti war diesem Plane nicht geneigt und ließ ihn nicht durchführen. Der Bauer ist sehr unglücklich; er wird von den Steuern erdrückt und ansgcsaugt von den muhamedanischeu Wucherern, welche bis zu 50 pEt. Zinsen fordern; er arbeitet wie ein'Lastthier, glücklich wenn er zum Lohn seiner Mühseligkeiten, " ein bischen Korn erzielt, welches er zwischen zwei Steinen zermahlt, ein wenig Kuhmist, nui den Teig gar zn kochen, und einen Lumpen, um sich zu bedecken. Das jüdische Viertel, elend und zerfallen, liegt im Norden der Stadt. Die Israeliten bewohnen sämmtlich einige 50 Häuser, welche dicht an ein an-. . der gereiht sind, ohne Sonne und Luft, dort befinden sich die Synagoge, die Jcschibot lmb die Talmud- Thora. Feui l l e t o ». Mus dem <Meu eines orttzodoren Maböiriers. Skizze von Dr. Bta . . . (Fortsetzung.) »Wirst Du Dich entschließen können, Schmelke, mein Meschorcs zu werden?" — frng der Rabbi und sah mich gespannt an — „Dn bekommst alsdann Kost, Wohnung, auch eine Kleinigkeit Scchiros. Willst Du? —" »Mit simchoh rabbo!" gab ich zur Antwort. „Aber.. .!' ,.21 bei?" wiederholte der Nabbi. „Aber lernen?" stieß ich mit fliegendem Athen: hervor. „Es freut mich!" — lächelte der Nabbi — „daß Du nicht bloß dasKemacb, sondern hauptsächlich auf die Thora Deinen Augenmerk richtest! — Nun, cs ist gut! — Du kannst an dem Schkur, welchen ich mit-meinem Nachum lerne, Thci! nehmen. Nachnm ist zwar erst acht Jahre alt, ist aber an - Wissen Dir bei Weitem überlegen. — Dn hast ' nicht nöthig Dich dessen zu schämen!" — fügte er hinzu, als eine flammende Röthe kn niciu Gesicht stieg und ich die Augen tief beschämt zu Boden schlug. — ,-Nachnm kann besser lernen als Mancher, der schon sein dreißigstes Lebensjahr überschritten!" „Aber das ist ja Ihre eigene Lebcnsgeschichte!" — unterbrach jetzt der Fremde ganz unwillig. — „Um diese habe ich Sie wahrlich nicht ersucht, denn Sie sind mir ganz gleichgiltig. In welcher Beziehung steht diese mit dem Verstorbenen?" Er schickte sich an sorlzugchen; allein: derAlte faßte sein Gewand und rief aus:; ' „Nur Geduld, mein Herr! Altes der Reihe nach!" Zuerst die Geschichte, meines Lebens, dann die Geschichte . des Verstorbenen »nd. nachher, wer weiß? : vielleicht Ihre eigene Geschichte!"^; >.-v . Betroffen schaute ihn der Fremde au und der. Alte fuhr mit unerschütterlicher Ruhe fort: „Jch war damit einverstanden. Ich durfte dem Rabbi den Talisbentcl in die Synagoge tragen und nach dem Gebete seine Tefilin Zusammenlegen. Täglich lernte ich bei dem Rabbi und mit Nachnm, der ein ebenso großer Ehochom als Ehozcw war. .Er lachte mich wegen meiner Unwissenheit aus und der - Rabbi lachte mit; zuletzt lachte ich ebenfalls. — . Sehen Sie, gnädiger Herr, von dieser Zeit rührt meine Bekanntschaft mit Nachum her!" „Ja, aber was geht mich Ihre Bekanntschaft und der Nachnm an?" — hemmte der Fremde den Redestrom des schwatzhaften Alten. ‘ „Weil Sie ans dem Folgenden viel lernen werden, Herr Amtsrichter Stein!" Seine Gestalt schien zu wachsen, während er das sprach und seine '-Stimme gewann an Klang und Schärfe. „Höre mich an, Salomön!" — fuhr er mit Eifer fort und seine kleinen Acugleiu blitzen auf. — „Ich weiß, daß Du Dich des Schammcs Rebb Schwelle, nicht erinnern willst, des Schammcs, der zu dem vcrslorbeucn Rabbi Joseph Lob Stein sichrono liwrocho —' dessen unwürdiger Sohn Dn bist —säst täglich kam! Aber wozu denn a«ch? Hast Du nicht selbst Deinen Clott, Deine Ncligion vergessen und hast Du nicht Deinem eigenen Vater das Herz gebrochen? Höre also von einem Persern, der ebcufalls ans Abwege gerietst. aber dessen besserer Thcil den Sieg davon trug, höre und nehme Zucht au!" Nachum wuchs heran und galt für den besten