Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 41 (22.5.1884)
- Date
- 1884-05-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Depariemens" von Mainz und später zum PrLfecten der vereinigten vier Departements „Mont Donnere" ernannt wurde, war ein Mann, der alle Eigenschaften besaß, um geliebt zu werden; er war gefällig, liebenswürdig und voll glühender Begeisterung für Alles, was er als gut erkannt hatte. In seiner Jugend war Jeanbon Geistlicher gewesen; während der Revolution wurde er reformirter Prediger und später in den Convent gewählt, wo er sich der Bergpartei anschloß. Obgleich kein Jüngling mehr, als er der Höchstbefehlende von Mainz wurde, hatte er doch nichts von seiner Begeisterung für die Prinzipien, die die Revolution anfänglich verfocht, verloren, und er kämpfte noch immer mit derselben Kraft und. Ausdauer für die Menschenrechte , für die allgemeine Gleichheit der Menschen vor dem Stuhle des Rechts; als Kämpfer für diese Sache war er natürlich ein Freund der Juden. < So sind wir Juden. Wer für die Gleichheit allerMenschen rang, wer uns nicht höhnte, haßte und blutig verfolgte, den nannten und nennen wir unseren Freund. Einmal aber hatte dieser edle Mann, dieser Freund der Juden, doch den Juden von Mainz sehr wehe gethan, sicher ohne es zu ahnen, sicherer, ohne es zu wollen und zwar — durch die Aufhebung eines Klosters. Enge, häßliche Gäßchen, an denen das alte Mainz überhaupt nicht arm ist, sind die vordere und Hintere Synagogengaffe, einst die Judengaffe genannt, das Ghetto von Mainz. Hier lebten unsere Väter, hier war die Wohnung jener berühmten Weisen, die eine Leuchte dem ganzen Stamme Juda waren, hier übten die frommen Männer und Frauen in großen, wie in kleinen Zügen die Wohlthätigkeit, dieses Erbbesitzthum der Juden, das ihnen selbst in unserer Zeit, da sie mitten hineintreten dürfen zwischen die rollenden Räder der gewaltigen Maschine, die wir „Welt" nennen, da sie häufig verachten, was ihren Ahnen hoch und heilig erschienen, noch nicht abhanden gekommen. Aber einen Vergleich mit der Wohlthätigkeit von damals hält die heutige doch kaum aus. In diesen winkeligen Gaffen, bei diesen Leuten, die größtentheils selbst in Hunger und Entbehrungen ihr Leben verbrachten, da war sie so natürlich, so ganz selbstverständlich, daß die Bewohner des Ghetto kaum wußten, daß es Wohlthätigkeit war, was sie ständig übten. In dem verachteten Theile der Stadt, in dem zu wohnen, man die Juden gezwungen, lebten auch einige Frauen, die nicht die Willkür und der Haß dahin getrieben, sondern die sich selbst dieses niedere Loos erwählt. - Das Kloster der armen Clarissinnen lag gerade vor dem Eingang zu den beiden Judengaffen, der Judenwache gegenüber. „Bei ihnen war," sagt eine Chronik von Mainz, „das Gelübde der Armnth und Entbehrung kein Scheingelübde; vielleicht haben nie die Bewohner eines Klosters ihren Schwur so streng gehalten, wie diese." Es waren vornehme, adelige, ja hochadclige Damen zum großen Theile, die sich dorthin zurückgezogen, um der Welt zu entsagen; sie brachten nichts mit, lebten von der Arbeit ihrer Hände, speisten die Armen und bekleideten die Nackten. „Trotz ihrer großen Ärmuth," berichtet jene obenerwähnte Chronik, „ist dock nie ein Armer ungesättigt von der Thüre der Clarissinnen gegangen." Ein Räthsel! Doch auch seinen Schlüssel theilr uns die Chronik mit. „Wenn die Vorrathskammern der armen Clarissinnen leer waren, wenn sie selbst hungerten, daun begab sich die Acbtiffin hinauf zu dem Glockenthurme, ergriff den Strang und begann zn läuten." . Und von allen Seiten strömten die Juden Herbei, Männer wie Frauen und Kinder, so viel Lebensmittel in ihren Händen, als sie nnr zu fassen vermochten. So manches Stück Fisch mit Judensauce/ so mancher Teller mit gesetzten Bohnen oder mit dclicater Kugel wanderte in das Kloster, und wenn dann die Aebtiffin ihnen die Hand reichte und sprach „Gott vergelte es Euch, meine Kinder," da waren die armen Juden reichlich belohnt. Seitdem sie Nachbarn waren, hatten sie es so gehalten, und Freundschaft und Liebe hatte von jeher zwischen Aebtiffin und „Rebbezin" geherrscht. Da war die Franzoscnzeit gekommen. „Freiheit und Gleichheit" erscholl der Ruf durch die Lande und unter ungeheurem Jubel ward das Thor des Ghetto niedergeriffen. Aber die Strömung, die dem Einen der Nachbarn so glückverheißend war, brachte dem Andern schweres, bitteres Leiden. Jeanbon St. Andrö, voller Abneigung gegen alle Klöster, hatte es vom ersten Consnl erwirkt, daß der alte Satz der Republik „Keine geschlossene Körperschaft darf mehr bestehen" gegen die Klöster in Mainz in Anwendung gebracht wurde. Es war in den ersten Tagen des Monats Juli 1802, als eine Commission der Regierung im Franziskanerkloster bei den armen Clarissinnen erschien