Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 41 (22.5.1884)
- Date
- 1884-05-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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LLV. Zahrgaug. SettageNr. 41 -es Israelit. Leitender Artikel. Der SKurzer Word. Am 22. Januar v. I. wurde — wie seiner Zeit berichtet — in dem westpreußischen Dorfe Sturz der Leichnam des 15jährigen Knaben Cybnla in verstümmeltem Zustande ausgefunden. Da das hier offenbar vorliegende Verbrechen nicht allzulange nach der Tisza Eszlarer Affaire begangen worden war und findige Blätter gewiffen Genres in de? Art der Leichenverstümmelung und in anderen Thatumständen gewisse Analogien mit dem viclversprochenen Falle in Ungarn herauszufinden glaubten, so konnte es nicht Wunder nehmen, daß die Antisemiteu-Preffe sich alsbald des Vorfalles bemächtigte und einen großen Lärm über den Sturer „rituellen Mord" erhob. Ihre Berechtigung zu dieser denkwürdigen Anschuldigung sog diese Preffe hauptsächlich aus dem Umstande, daß ein Skurzer Jude Namens Josephsohn als der That verdächtig eingezogen worden war. Da sich aber direkte Schuldbeweise nicht erbringen ließen und die Sache zu versumpfen drohte, wurde vor etwa 6 Wochen seitens der Berliner Kriminalpolizei Herr CommissariuS Höft zu weiteren Recherchen nach Skm^ abgeschickt. Ueber das überraschende Resultat dieser Recherchen berichtet man uns aus Preußisch-Stargardt wie folgt: „Den Bemühungen des Kriminalcommissarins Höft aus Berlin ist es nunmehr gelungen, das Dunkel zu lichten, das Monate lang über dem vielbesprochenen Skurzer Knabemnorde lag: er hat anscheinend den wirklichen Thätcr entdeckt, und zwar in der Person des katholischen Fleischers Joseph Behrendt aus Sturz. Der 33jährige B. ist verheirathet und Vater zweier Kinder. Das Motiv der That ist noch nicht völlig aufgeklärt; doch neigt man zu der Annahme, der Mord sei aus Fanatisnms verübt, um die Juden, die hier au sich schon einen ungemein schwierigen Stand haben, unmöglich zn machen und aus der Gegend zn vertreiben. Für diese Auffaffung sprechen verschiedene von B. früher gemachte Aeußerungen sowie auch der Umstand, daß B. der Erste war, der den Verdacht auf die Juden lenkte. Anläßlich einer Haussuchung beim Kaufmanu Baß — einem gut beleumundeten, achtbaren Mann, den man als Complicen des Jofephsohn betrachtete nnd gleichfalls einige Zeit in Haft hielt — geberdete sich B. geradezu rabiat, bezeichnete das im Baßschen Stalle gefundene Rinderblut als das Blut des „geschachteten" Knaben und erschöpfte sich in unfläthigen Schimpfereien auf die Juden. Merkwürdigerweise hat gerade derjenige Zeuge, auf dessen frühere Aussage hin die Verhaftung des Jofephsohn erfolgt war, sitzt auf die richtige Spnr geführt, indem Herr Höft ihn durch eindringliche Ermahnung dahin brachte, der Wahrheit die Ehre zu geben. Dieser Zeuge, ein junger Arbeiter aus dem Nachbardorfe Kosche, war nämlich am 22. Januar Morgens gegen 6 Uhr wenige hunderte Schritte vor Sturz, und ganz in der Nahe derjenigen Stelle, wo drei Stunden später die Leiche des ermordeten Knaben gefunden wurde, einem Manne begegnet, der der einen anscheiurnd schweren Sack auf dem Rücken trug. Me Umrisse des Sackes brachten den Zeugen auf die Vermuthung, daß ein geschlachtetes Kalb darin sei, was um so wahrscheinlicher erschien, als er in dem Träger des Sackes den Fleischer Behrendt aus Sturz zweifellos erkannte. Als er nun von der Ermordung des Knabe» Cybula und der Auffindung der Leiche erfuhr, stieg ihm sofort der ganz bestimmte Verdacht auf, daß er in dem Sack, den Behrendt bei der Begegnung mit ihm getragen, nicht ein Kalb, sondern die Leiche des ermordeten Knaben sich befunden habe. Dieser Verdacht wurde bei ihm zur Gewißheit durch den Umstand, daß in seiner Abwesenheit der Fleischer Behrcudt bei seiner Mutter vorsprach und sich erkundigte, ob ihr Sohn gegen ihn (B.) oder gegen die Inden anssagen werde." Des Weiteren erschienen Abgesandte des V. bei ihm und machten ihm allerlei VerspreÄungeu, wenn er anssagen würde, er habe in dem Mamre mit dem Sacke nicht den Behrendt, sondern den Josephsou — der dieselbe Figur hat — erkannt. Der Bursche ließ sich in der Tbat bestimmen und sagte gegen Joscphson ans, während es den eindrinZLchcn Ermahnungen Höfts gelang, ihn sowohl wie seine Mutter sitzt zur wahrheitsgemäßen Aussage zu bewegen. Behrendt leugnete zwar die Begegnung sowohl wie die That; bei der Gegenüberstellung aver haben Mutter nnd Sohn den Behrendt auf das Bestimmteste wiedercrkannt und ihre Aussagen beschworen. Des Weiteren behauptete Behrendt, am Abeude des Thattages (2t. Januar) scine Wohintiia nicht verkästen zu haben.