Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 38 (12.5.1884)
- Date
- 1884-05-12
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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zr — 114 — Volke zu vereinigen und dahin Augen und Schritte Lu lenken, wo der Ruhm unserer glorreichen Vergangenheit und das Ideal unserer hoffnungsvollen Zukunft ihre höchsten Triumphe feiern. Nach den Stufen der Zionsburg ging unser Sehnen, und unser Schmachten galt den verfallenen Mauern des Tempelheiligthums. Dreihundert an der Zahl gründeten wir den‘Verein;-rV*2„ und in alsbaldiger Ausführung unserer Devise machten wir unserer D r e i s s i g uns auf den Vf eg nach dem heiligen Lande. Vier von uns blieben in K o n s t.a n t i n o p el, um bei der türkischen Regierung die nöthigen Schritte zur Colonisation Palästina^ einzuleiten. Sechs zehn Monate mussten - sie in der Hauptstadt des ottomanischen Reiches zubringen. Während dieser langen Zeit mussten unsere Delegirten von unserer Gesellschaft unterhalten werden, was grosse Opfer erforderte.*) Denn die Zeit war unserer Sache nicht günstig; die Pforte war in der ägyptischen Frage mit eigenen Angelegenheiten vollauf beschäftigt. Dennoch gelang es unseren Delegirten. in den höheren Kreisen der türkischen Beamten Eingang zu finden. Zunächst fanden sie bei dem Kriegsminister Os man Pascha, dem ehemaligen Gefangenen von Charkow, freundliche Aufnahme-und Aufmunterung zu Geduld und Ausdauer, zwei Eigenschaften, deren Nothwendigkeit bei Verhandlungen mit der türkischen Regierangrspäter uns klar einleuchtete. Auch General Wels, der amerikanische Gesandte, hat durch seine freundliche Beihilfe sich.gerechten Anspruch auf unseren Dank erworben. Nach den verschiedensten Erwägungen und Verhandlungen in den einzelnen Ressorts beschloss endlich der Ministerrath, unserer Bitte zu entsprechen und behufs Colonisirung uns Grundstücke in Syrien unter günstigen Bedingungen zu überlassen, vorausgesetzt, dass die russische Regierung nichts dagegen einwende, wenn ihre ehemaligen TJntertlianen türkische Staatsangehörige werden. Eine in diesem Sinne ahgegangene Note ist von Petersburg noch nicht beantwortet, bezw. die Antwort uns noch nicht angegangen. Doch hoffen wir unter Gottes Beistand, diesen ersten und wichtigsten Theil unserer Mission glücklich zu Ende zu führen. Jetzt sind unsere Delegirten mit uns vereinigt,~um gemeinschaftlich den heiligen Boden zu bearbeiten. Diejenigen unserer Mitglieder, welche direkt nach Palästina reisten, betraten den heiligen Boden am 12. Tainus 5642. Unser Hauptaugenmerk war auf Ackerbau gerichtet, denn damit wollten wir zunächst uns selbt heranbilden und für die spätere Colonisirung genügend uns vorbereiten, abgesehen davon, dass es auch unser Bestreben war, bis dabin durch eigener Hände Arbeit unser Dasein zu fristen und keine fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ganz besonders aber bezweckten wir, anderen Emigranten mit gutem Beispiele voranzugehen und zu zeigen, dass wir, die wir vor wenigen Wochen noch in den Hörsälen der Universität uns bewegten, uns nicht zu vornehm dünken, um mit den Ackergeräthen den Boden aufzuwühlen und in dem höheren geistigen Zwecke Muth, Kraft und Ausdauer zu finden. So gelang es uns, das weit verbreitete Vorurtheil, als ob Juden zum Ackerbau nicht fähig seien, auf’s Glänzendste zu widerlegen. Unser erstes Unterkommen fanden wir in rrp*-., {der bekannten von dercAlliance begründeten Ackerbauschnle\ Bei glühenden Sonnenstrahlen und der brennendsten Hitze unternahmen wir, an keine Händearbeit gewohnt, die^schwersten Verrichtungen, und oft glaubten wir, der Last und den Beschwerden unterliegen zu müssen, aber Eines hielt uns stets aufrecht, die Idee der heiligen Sache, für welche wir unserer Hände Sehweiss' einsetzten. Durch unser Beispiel angefeuert, zogen viele andere Emigranten die saure Arbeit den Aussichten vor. welche ihnen die verlockenden Netze der Mission boten. Anfänglich erhielten wir auf 8 Piaster (— 100 Centimes) täglichen Lohn, bis der edle Karl Netter s. A. nach Palästina kam. Als dieser hochherzige Palästinafreund unseren Eifer sah und erfahren hatte, wo unsere Heimath ist, besuchte er uns täglich bei der Arbeit, erlaubte keine Ueberansfrengung, ermunterte uns und erhöhte den Lohn auf täglich 1Fcs. Schliesslich wollte er uns fiir alle Zukunft auf .Tp&„ erhalten und Hess zu diesem *) Aus diesem Aufenthalte in Konst ant iuopel rcsnMrm die Schulden unserer Gesellschaft, mit ungefähr 2000 Mark; wir hoffen sicher, dass unsere Glaubensgenossen ausserhalb Palästina^ diese Schuld auch als die ihrige anerkennen. Denn der allererste Schritt zur Colonisation, nämlich die Unterhandlung, mit der türkischen Regierung, von unserer Gesellschaft ausgegangen und nur von der richtigen weiteren Behandlung hängt das Gelingen der