Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 32-33 (23.4.1884)
- Date
- 1884-04-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Feuilleton. Uns dem Leben eines orlhodoren Aabbiners. Skizze von vr. Sta ... (Fortsetzung.) Sie erwiderte seinen ehrerbietigen Gruß durch ein stolzes Nicken mit dem Haupte und wollte achtlos an ihm vorübercilen; da warf sie dem Diener einen fragenden Blick zu und jener beeilte sich dienstbeflissen zu berichten, daß der zudrängliche Jude das gnädige Fräulein zu sprechen wünsche. Bei diesem Gedanken schoß jetzt eine heiße Blutwelle mit flammender Röthe in das Gesicht des alten Mannes. Und damals? — Ja, damals wechselten auf Rudolph's Gesicht Rothe und Blässe jäh miteinander. — Gr mußte sich am Treppengeländer sestklammern, um nia-t vor Scham und Schande, vor Erbitterung und Empörung umzufallen. Seine Brust hob sich keuchend; seine Augen rollten; seine Hände ballten sich zu Fäusten und nur die Gegenwart der jungen Dame hielt ihn ab, sich auf den Diener zu stürzen und ihn mit seinen jüdischen Händen zu bearbeiten. Die junge Dame schaute einige Momente betroffen den aufgeregten Jüngling an, dann srug sie ihn in halb erstauntem und in halb neugierigem Tone, wer er sei und was er von ihr wünsche. Tief aufseufzend nannte er ihr seinen Namen. „Ah, Du Rudolph?" — rief sie mit ungeheuchelter Freude aus und reichte ihm die schmale, alabasterweiße Hand zum Kusse — „oh, wie herrlich groß bist Du geworden! wie vornehm Du aussiehst! — Sei herzlich willkommen in Göttingen!" Dann sah sie zu dem verblüfften und bestürzten Diener hinüber, welcher mit offnem Munde und gelähmten Gliedern dastand und nicht einig mit sich zu sein schien, ob es rathsam sei zu bleiben oder einen ehrenvollen Rückzug anzutreten; und tief erröthend herrschte sie ihn an: „Warum gaffst Du mich so an, Tölpel! — Führe den Herrn in mein Boudoir und warte im Vorzimmer auf meine weiteren Befehle!" Und an Rudolph gewendet, sagte sie kalt und gemessen: „Sie verzeihen doch, Herr Hirsch? — in wenigen Augenblicken bin ich wieder bei Ihnen." Grimm und Haß, Scham und Zorn stritten in seinem Herzen miteinander und entstellten seine sonst klaren Gesichtszüge. Schwankenden Schrittes folgte er dem Diener in das prunkvolle Gemach des jungen Mädchens. Das Blut hämmerte in seinen Schlafen, sein Athem flog rasch und ein Schauer erfaßte ihn, als er in den großen Spiegel einen Blick warf und dort sein vor Aufregung und Erbitterung verzerrtes, ganz entstelltes Bild gewahrte. Er verlor vollends das Glcickgewicht uns würde lieber in den Boden gesunken sein, als sich so vor ihr zu zeigen. Wie. ganz anders halte er sich den Empfang bei seiner Jugendgespielin ausgemalt? — Er hatte ihr dieselbe Herzlichkeit, dieselbe Treue, der damals das reine, unverdorbene Kindes-Gemnth fähig war, aufbewahrt; er hatte ihr dieselbe ungetrübte, edle Hingebung, die das reine Kindesherz für den Gegenstand seiner Verehrung und Bewunderung empfindet, entgegengcbracht — und sie? — Nun fühlte und . empfand er es; sie schämte sich ihrer jüdischen Bekanntschaft von früher. — Seine Kniee zitterten und ein tiefes Anfstöhnen entrang sich seiner gepreßten Brust, während er mit der Hand über die triefende Stirn fuhr., Am liebsten wäre er gleich fortgeeilt, um sich so der peinlichen, schmachvollen Situation zu entziehen; aber würde er dann nicht mit Reckt als der jüdische Feigling bezeichnet werden müssen? — Er blieb also. — Aber den festen Vorsatz faßte er in jener Stunde, daß dieser sein erster und auch sein letzter Besuch bleiben solle. — Armer Rudolph! — Was sind menschliche Vorsätze und Entschlüsse, wenn die eiserne Gewalt der Leidenschaft stärker ist, als der sittliche Ernst? Was vermag ein Schwächling gegen die sich hochaufthürmenden Fluthcn und brandigen Wogen der Begierde? — Mag er noch so stolz seinen Nacken ausrichten; mögen die edlern Regungen seines Herzens sich noch so sehr ausbäumcn und krümmen, der Sturm seiner Leidenschaft würde ihn zerschmettern und die Fluth seiner Begierde ihn verschlingen, wenn sein Wille nicht mächtiger ist als sie — Der kalte und schmachvolle Empfang seitens seiner Jugendfreundin hielt ihn nur wenige Wochen von ihr fern; dann kam er um so häufiger mit ihr zusammen. Das schöne Mädchen, das sich zuerst ihres jüdischen Verehrers schämte, fand zuletzt auch Wohlgefallen daran, um den Juden die Bande» ihrer magischen Gewalt zu schlingen und ihn so zum Sclaven ihrer Launen zu machen. Er war ihr Begleiter auf den Spaziergängen, wenn keine andere Begleitung aufzutreiben war; war ihr Tänzer auf Bällen, wenn Andere die bestrickende Coquette unberücksichtigt ließen. Kurz und gut, sie war seine Herrin, sie war sein Abgott, die Verführerin und Verleiterin seiner Jugend. Ihr Zu Liebe ließ er sich zum Genüsse verbotener Speffen drängen; ihr Anblick ließ ihn zuerst sich seines Volkes und seiner