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Der Israelit · 1884-04-08 · Heft 28-29 (8.4.1884) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 28-29 (8.4.1884)
Date
1884-04-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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502 gar auf unsere Samstagspromcnadc verzichtet, weil ' wir Sie jeden Augenblick eintreten zu scheu hofften.; Zum Dank für diese Aufopferung kommen Sie erst in der Dämmerungsstunde, in einer Stunde, in welcher Sie bei andern Menschenkindern keinen Be- I such zu machen wagen! — Na, na. Herr Doctor, ' geschenkt soll Ihnen die Strafe für solches Betragen ' nicht bleiben!" Sie drohte mir mit dem Finger. „Ich bitte sehr, mich zu entschuldigen und die Strafe gütigst zu erlassen!" sagte ich lackend. — „Ich konnte ja kaum ahnen, daß meine Richterin einen Satz vergessen konnte, der bei meinem Vergehen mildernde Umstände annehmen läßt." „Und wie lautet dieser?" „Achron, achron chowiw — der letzte ist immer der Liebste!" „Nun, eine solche Entschuldigung laß ich schon gelten! — Mama," — sagte sie, indem sie einer alten, ehrwürdig ausschenden Dame, welche sin das Zimmer trat, entgegenging, — „hier habe ich die Ehre Dir unfern neuen Rabbiner, Herrn Doctor Stein vorzustellen!" „Ah. ich bin sehr erfreut! — Seien Sie herzlichst willkommen. — Es thut mir leid, daß Sie uns erst so spät die Ehre Ihres Besuches schenken. — Wir haben Sie schon den ganzen Tag erwartet!" — „Nicht doch, liebe Mama! — Herr Doctor ist unschuldig! Er hat eben auch für den verspäteten Besuch seine Grundsätze." „Na, na, Fräulein" —lachte ich — „derUebergang von einer gestrengen Nichten» zu einer Vcrthcidigcrm ist denn doch etwas zu rasch, sollte ich glauben!" „Meinen Sie? — Nun um so besser! Ich vertheidige lieber, als ich verurtheile!" „Ha, ha, ha! Fräulein! Es soll wohl eine leise Anspielung auf mein Betragen von gestern sein, wo ich Ihre Neligiösität ungeschickt angezwcifelt habe?" „Es kann schon sein! — Jetzt will ich Ihnen aber das Bild meines seligen Vaters zeigen. Nicht wahr? eine sehr ehrwürdige Gestalt?" So unterhielten wir uns noch lange. „Jetzt ist es aber Zeit, daß ich aufbreche," — sagte ich, indem ich aufstand — „in der Synagoge werden schon die Lichter angezündet" — und wies mit der Hand nach der Synagoge, welche unweit von Dr. Priesters Wohnung war. „Leben Sie recht wohl, Frau Rabbiner" — und reichte Frau Priester meine Hand. . „A propos, Herr Doctor," — sagte Fanny, die mich bis zu der Thüre begleitete, — „wissen Sic schon, wie mein Bruder zum Unterschied von Ihnen genannt wird?" „Nun, liebes Fräulein?" „Der weiße Doctor," — lachte sie laut und hell auf — „weil er die Hellen Kleider, die ihm miserabel stehen, trägt!" „Dann werde ich wohl der Schwarze genannt!" — lachte ich ebenfalls. — „Nun, dieser Name ist mir nicht mehr fremd, er ist mir auf meiner Reise hierher gegeben worden!" — Und nun erzählte ich die Unterredung, die ich in dem Postwagen angehort hatte. Ich hatte mich in der Priester'schen Familie länger aufgehalten, als ich es beabsichtigte und mußte eiligst zum Maariwgebet in die Synagoge. Unterwegs begegnete ich Nathansohn, der ebenfalls im Begriffe war, sich nach dem Bethause zu begeben. „Herr Doctor," — redete er mich an, — „der Amtsrichter war schon zweimal bei uns und wünschte Sie dringend zu sprechen. Wir wußten aber. nicht ganz genau, wo Sie anzutreffen sei» werden!" „Der Amtsrichter mich sprechen!" — rief ich freudig bewegt aus. — „Nun, dann muß ich doch gleich hin." „Und Maariw!" „Ja richtig! — also gleich nach Maariw werde ich ihn auffuchen." „Dann ist es aber zu spät" —sagte Nathaufohn — „der Amtsrichter wollte, wie er mir sagte, mit der letzten Post verreisen und kommt erst nach zwei Wochen zurück!" „Und wann geht die Post?" frug ich athemlos. 'Nathansohn sah nach seiner Uhr. „In einer Vicrtelsiunde, also gleich nach dem Gebete. Sie werden vor der Abfahrt derselben dort nicht ankommen, selbst dann nicht, wenn Pferde für Sie zur Verfügung stunden" „Dann eile ich noch vor Maariw dorthin!" versetzte ich, indem ich mich eiligst entfernen wollte. „Halt Herr Doctor!" — sagte Nathaufohn, indem er mich beim Arm faßte. — „So wichtig wird die Unterredung mit einem getauften Jude» nicht fern. Na, na! ich wollte Sie ja gar nickt beleidigen," — fügte er rasch hinzu, als ich auffahren wollte. — „Ich weiß ja nicht, in welcher Beziehung'Sie zudem Manne stehen, das aber weiß ich gewiß, daß Sie heute bei dem Gebete nicht fehlen dürfen! — Sie verzeihen dock? — Außerdem wird gleich nachHawdoloh eine Sitzung stattfinden, bei der Sie schon aus dem einfachen Grunde nicht fehlen dürfen, weil es noch Vieles, Ihre geschätzte Person betreffend, zn besprechen gibt."

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