Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1884)
- Date
- 1884-03-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXV. Jahrgang. Zweite Beilage;u Ur. 22 des Äsraeiit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Leipzig. Die hier erscheinende Zeitschrift für öffentliche und private Hygiene „Gesundheit" von Prof. Dr.KarlReclam veröffentlicht den nachfolgenden Artikel: ' „Unter barbarischen Völkerschaften war es nichts Ungewöhnliches, das Fleisch gefallener Thiere zu effen oder auch Fleisch aus lebenden Thieren zu schneiden, wie es noch heutigen Tages in Abyssinien vorkommt. Die Gesetze des Talmud verbieten dies aufs Strengste, und das Verbot, Fleisch lebender Thiere zu genießen, ging von den ersten Christen auch auf die Heiden über. Der Talmud verlangt, daß das Thier durch ein langes scharfes Instrument getödtet werde, welches sofort Luft- und Speise-Röhre durchschneidet. Rabbi Judah fügte das Gebot hinzu, daß auch die Arterien durchschnitten würden obgleich man damals, vor etwa 1700 Jahren, noch der Ansicht war, daß die Arterien nur Lust , enthielten. Seine Nachfolger waren jedoch der Meinung, daß es genüge, Luft- und Speise-Röhre zu durchschneiden, und daß damit das biblische Gebot vollständig erfüllt sei: „Das Blut sollst du nicht.effen, sondern auf die Erde gießen wie Wasser." .. Vor. einigen Jahren erhob der Londoner Thierschutz'Verein gegen die Juden die Anklage grausamen Verfahrens beim Schlagen der Schlachtthiere; allein in der Verhandlung wurde zur. Genüge die Grundlosigkeit der Beschuldigung erwiesen und die Klage abgewiesen. Dr. Rabbinowicz in Paris ist gegenwärtig mit Herausgabe eines Werkes über die Civil- Gesetzgebung des Talmud beschäftigt, in welchem er die Anklagen des Thierschutz-Vereins widerlegt und vielmehr das jüd. Verfahren als nachahmcnswerthes Vorbild aufstellt. (DkZislation civile du Talmud — les principes talmudiques de Sche-liitah et de Terepha, maniere de tuer les ammaux et leurs maladies au point de vae medical. Par le Dr. Israel Michel Rabbinowicz. Paris, chez l’auter 63 Rue de Seine.) Die Talmudisten waren nicht Mitglieder eines Thierschutz-Vereins, aber sie gehörten einer Nation an, welchejedem ihrer Mitglieder die größte Humanität gegen alle lebenden Wescn Zur Pflicht machte. wie z. B. aus der Vorschrift hervorgeht, daß nicht. eher ein Mahlzeit gehalten werden soll, bis die Thiere gefüttert sind. Die Vorschriften für das Schlachtverfahren hatten den Zweck, dasselbe soweit als möglich „cito, tuto et jucunde“ zu gestalten, und bestehen in der Hauptsache in Folgendem : 1. Jede Unterbrechung, welche das Leiden des Thiercs verlängert, macht dessen Fleisch ungenießbar; — 2. der Einschnitt soll durch eine hin- und hergehende Bewegung ausgeführt werden, — 3. der Hauieinschniit soll den Umfang der tieferen Wunde nicht übersteigen, da die Haut sehr empfindlich ist und jede unnöthige Verwundung derselben vermieden , werden soll; — 4. die Wunde soll nicht so hoch gemacht werden, daß das Messer in Berührung mit den Knochentheilen über dem Ringknorpel der Trachea kommt; — 5. kein Gewebe darf zerrissen werden. . Um letzterer Vorschrift nachzukommen, darf das Messer nicht die geringste Scharte haben, und diese Forderung wird noch heute mit größter Strenge durchgeführt. Der Schlächter hat eine längere, Lehrzeit und am Ende derselben eine Prüfung zu bestehen. Nachdem die Thiere getödtet sind, findet eine sorgfältige Untersuchung des Gesundheitszustandes derselben statt;, die diesbezüglichen Vorschriften sind wahrhaft bewunderungswürdig. Dr. Henry Behrend . sagt in einem Aufsatze über Thierkrankheiten, welche auf den Menschen übertragbar sind (Jewish Chron. 12. Nov. 1880): „Ich bin entschieden der Meinung, daß die sorgfältige Prüfung des Schlachtfleisches bei den Juden ein wichtiger Faktor in der Langlebigkeit der Nace ist, welche gegenwärtig so viel Aufmerksamkeit erregt, und ebenso von Einfluß auf das verhältnißmäßig seltene Vorkommen von Skrophcln und -Schwindsucht." Es ist schwierig festzustellen, inwieweit die einzelnen Vorschriften durch physiologische Erkenntnis bedingt waren. Wir sehen, daß der Genuß von Blut sorgfältig vermieden ward, lange bevor man mit Hilfe des Mikroskopes das häufige Vorkommen von Krankheitskeimen in demselben nachgewiesen hatte. Dr. Lionel Beate ist der Ansicht, , daß die Keime erst dann krankmachend wirken," wenn sie in das Blut eingedrungen sind.. Hallier fand .im Blute Scharlachkranker stets zahlreiche Mikrokokken und neuere Untersuchungen haben im Blute der an der sogen. Wsllsortirer-Krankheit Leidenden einen Bacillus nach-