Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 21 (13.3.1884)
- Date
- 1884-03-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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359 Zeugen gebe ich selber nichts. Selbst wenn die Zündschnur bei Hüdemanns gefunden worden, würde ich nichts zur Schuld derselben auS diesem Momente deduzirt haben. Ich leite keine belastenden Momente auS den Buchhslz'scken Anssagen her, ich glaube sie selber nicht. Leiten Sie, meine Herren Geschworenen, aber daraus nicht die Unglaubwördigkeit der anderen Belastungszeugen ab! Unwesentlich und wirr erscheinen mir auch die Aussagen der Kühner und der Zeugen, die den Lowe und andere Juden in der Nähe des Tempels gesehen haben woen. Es ikt ja möglich, daß Sie, wie die KoLliner Geschworenen, die Frage verneinen, ob der Brandstifter überhaupt gefunden sei. Sie werden eben dann die Hauptfrage zu verneinen, aber ernstlich zu erwägen haben, in wie weit die Hilssfragen bei Heidemann bezüglich der Mitwissenschast, bei den Lesheims bezüglich der Beihilfe zu bejahe l sind. Auch die Zurechnungsfähigkeit Lesheims scheint mir nicht ausgeschlossen.' Die Rede des Staatsaitwalts Schlingmann dauerte . kaum eine Stunde. Um 11 Uhr nimmt der Bertheidiger Dr. Sello das Wort. , «Man sei in dem Prozeß, so begann Redner, verkehrt zu Werke gegangen; daß Thäter vorhanden seien, nämlich die Juden, habe man von vornherein angenommen und gar nicht erst gesagt, ob eine That, ein Verbrechen, eine vorsätzliche Brandstiftung überhaupt vorliege. Die Beweisaufnahme habe keine genügenden Gründe für letztere ergeben;. Löwenberg könne sehr wohl aus Fahrlässigkeit die Katastrophe verursacht haben, scheue sich aber, das zu gestehen; denn er sei ja ursprünglich wegen fahrlässiger Brandstiftung angeklagt gewesen. Tr. Sello schildert darauf den Boden, auf dem die Vorgänge sich abgespielt, die ein trauriges Stück Kulturgeschichte bilden; sodann geht er auf die einzelnen Beweismomenle ein und schildert drastisch die Befangenheit der Zeugen, bie Verschwommenheit ihrer Aussagen, - die grotesken Ausschreitungen, zu denen die Paneileidenschast. welche selbst die Gebildeteren verblendet, schließlich die Ungebildeten geführt habe. Täuschungen aller Sinneswahrnehmungen kamen vor, zeitlich und räumlich rückte Alles näher inrd durcheinander und der gute Wille Derer, welche die Inden verurtheilt sehen wollten, that das Uebrige. Gegen ein Komplot, gegen die Bctheiligung der jüdischen Gemeinde sprechen alle Vernunstgründe, gegen die Bctheiligung der Einzelnen die Thatsacheu und die Wahrscheinlichkeit. Wenn schon ein Verbrechen zu Tage gefördert ist, so ist jedes einzelne Deweismoment, das z. Bauf Buchholz hinweist, stärker als alle Beweise gegen die Heidemanns zusammen. Redner führt das näher aus und kommt schließlich auf den Koslinec Wahrspruch. Ihr heutiger Wahrspruch wird keine Kritik dieses ersteren sein, denn diesmal liegt ein vollständig verschiedenes Beweismaterial vor; der Hauptbelastnngszeuge, Buchbolz, den die Anklage selbst fallen läßt, scheidet aus und mit chm steht und und fällt die Anklage gegen die Heidemanns wie gegen die Lesheinrs. Justizrath^ Makower spr'cht nur % Stunden, aber mit vernichtender Schärfe und Kaustik. Er zerlegt das ganze Kartenhaus der Anklage, greift die angeblichen Schuldmomente gruppenweise heraus und zerbröckelt sie, so daß am Schlüsse nichts, aber auch gar nichts übrig bleibt. Und dämm ist es meine innerste Neberzrugug, alle vier Leute find ganz und gar unschuldig" — mit diesen Worten schließt er seine eindrucksvolle Mde. Rechtsanwalt Scheunemann betont nur ganz kurz, daß er als Neustcttiner sich verpflichtet gefühlt habe, durch sein abermaliges Erscheine» aus der Vcrtheidigerbauk, seiner Uederzeugung von der «Lchuldlosigkert der Angeklagten Ausdruck zu geben. Rechtsanwalt Maibauer spricht zu den Geschworenen gleichfalls ganz kurz, als ein Mann, den diese 'ein halbes Menschenalter kennen, als ein Patriot, der gegen das aus Gistblumen bcstchcnde Bouquet, das dieNachbarstadt 'Kcuftcttiu hierhcrgesandt habe. Namens der gesunden Vernunft, der Humanität und der christlichen Liebe Protest erhebt. Nach der Mittagspause um 1 Uhr nimmt der Staatsanwalt das Wort zur Replik und wendet sich scharf gegen die Deduktionen der Bertheidiger, wobei er besonders die Gründe,gegen Lesheim senior hervorhebt. Justizrath Makower nimmt die einzelne Punkte, die der Staatsanwalt urgirt hat, nochmals vor und weist dieNnhaltbarkeit der angeblichen Schuldmomente nach. Auch Dr. Sello geht nochmals auf seine Deduktionen bezüglich der Unmöglichkeit ein, sich der Zeitangaben genau zu erinnern, ans die es doch hier so haarscharf ankommt. Rechtsanwalt Maibauer gibt in seiner Dnplik hauptsächlich" seiner Verwunderung über die merkwürdige Thätigkeit des Landraths von Bonin in dieser Sacke Ausdruck' Die Angeklagten haben nichts mehr anzusührcn. Die Plaidoyers werden geschlossen. Es erfolgt eine kurze Rechtsbelehrung durch den Präsidenten. Um 4% Uhr ziehen sich die Geschworenen zur Berathung zurück. Nach dreiviertelstündiger Berathung kehren sie in den Schwurgerichtssaal .zurück, rmd unter lautloser Spannung der Anwesenden verkündet der Obmann das Verdikt. Es karrtet bezüglich der Angeklagten aus Nicktschuldig. . Im Saale war eS, während die Geschworenen beriethen, be-' ängstige»rd ruhig, nur flüsternd tauschte nran seine Erwartungen und Befürchtungen aus. Die Temperatur stieg bis ins Unerträgliche. \ Da gegen 53/4 Uhr kam die Meldrrng aus dem Geschrvorenenznmner, die Herren seien mit der Berathung fertig. Der. Gcrickeshos trat ein, nach ihm die Geschworenen, und unter lautloser Stille verlas der Obmann Amtsrath Schulz. aus Flatorv bcn Fragebogen Alles hing an seinem Munde,' Jeder sucht arrs den Zügen der Geschworenen das Urtheil vorweg adzulesen. Ucber die Berneinnng der beiden ersten Fragen, ob Hcidemann der Brandstiftung öder der Theilnahme schuldig sei. war kaum ein Zweifel, denn auch in Köslin war hiervon Freisprechung erfolgt. Sobald das dritte Nein ertönte aus die Frage : Ist Heidemann schuldig, von dem Verbrechen gewnst zu haben, ging eine starke Bewegung durch das Auditorium. Die beiden Heidemann waren frei. ' Frage 4—6, die sich aus den jüngeren Hcidcmann bezogen, mußten selbstredend konform mit 1—3 beantwortet sein. Frage 7, ob der ältere Leshcim der Brandstiftung schuldig sei, wurde schon in Köslin verneint. Hierin war kaum eine Aendenmg zu envarten. Auch das siebente Nein ertönte, und nun kam der entscheidende Punkt, Frage 8: Ist Lesheim schuldig der Theilnahme an der Brandstiftung? Diese Frage hatten die Köslincr Geschworenen bejaht, aber auch jetzt erklang das erlösende Allein und eine andauernde Bewegung, ein Gemurmel der Defriedigrurg ging durch das athcrnlos lauschende Airditorinm. Nun waren die übrigen Fragen belanglos, die Freisprechung sicher. Tie Angeklagten nahmen den Spruch mit Ruhe und an» , scheinend ohne Ueberraschung entgegen. Erst als der Gerichtshof sich zilr Berathung zurückzog und ein allgemeiner Gcdankcnanstansch stattfand, sing der greise Heidemann vor froher Aufregung an zu zittern. Sein Sohn bat die Bertheidiger. doch rasch leinen vor der Saalthür harrenden Angehehörigcn vorn llrtheilssprnch Kenntnis; zu geben. Doch war das bereits durch die der Thüre zunächst Stehenden geschehen. In ganz kltrzer Zeit erschien der Gerichtshof und es erklang die feierliche Verkündigung: «Im Namen des Königs, Nachdem d,e Ge'chwsrrnrn die vier Angeklagten in allen Punkten für nickt schuldig erklärt, .spricht Sie der Gerichtshof frei. Hirsch Lesheim ist sofort