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Der Israelit · 1884-02-07 · Heft 11 (7.2.1884) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 11 (7.2.1884)
Date
1884-02-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXV. Jahrgang. Erste Lcilagc ju flr.ll des Israelit. Leitender Artikel. Briefe ans Ungarn, vi. ' ' Preßburg, 1. Schcbat. Mit meinem heutigen Briefe dachte ich, in der Besprechung des mir Vorgesetzten Gegenstandes, der Einrichtung und Gestaltung des Jeschibah-Wescns nämlich, sortzufahren, und die Mängel in ihrer Beschaffenheit, die Lücken und Mißverhältnisse in ihrer Unterrichtsweise klarzulegen —; allein der Zufall bringt mich für heute von diesem Gebiete ab und führt meine Betrachtungen in ein anderes, nicht minder wichtiges hinüber, und zwar auf das der israelitischen Volksschule, ihres Bestehens und ihrer Entwickelung in den Ländern der ungar. Krone. Vor mir liegen nämlich die jüngsten Nummern des „Israelit", in welchen über das Entstehen und die Einweihung des neuerbauten isr. Lehrerscminargebäudes zu Cöln a. Rhein ausführlich berichtet wird, und diese Berichte und die ihnen zu Grunde liegende Thatsache sind es, die meine Betrachtungen in der oben bezeichneten Richtung herausfordern. Was Liebe zum Glauben, muthige Entschlossenheit für die religiöse Ueberzeugnng, was unermüdliche Thatkrafi im Dienste unserer Thora vermag — gezeigt haben es jene wackeren Männer in den Rheinlanden, die ohne Fond, ohne staatliche Subvention, ja sogar ohne gebührende Förderung und Unterstützung von Seiten gleichgesinnter Glaubensbrüder an die Realisirung eines Werkes, das sie für den heilsamen Fortbestand ihres Glaubens für nothwendig erkannt, gingen, dessen Vollendung sie auch unter dem sichtbaren Segen Gottes in den lctztverflossenen Tagen feiern konnten. Die Kunde von der glücklichen Vollendung des so schwer begonnenen und unter mühsamem Ringen fortgeführten, für die Interessen des wahren Judenthums so hochwichtigen, Lehrgebäudes kann nicht verfehlen, überall, wo gleichgesinnte Herzen unserm Glauben warni entgegenschlagen, einerseits die innigste Antheilnahme an dem segensvollen Fortbestände jenes Instituts zu erwecken, andererseits aber auch zu gleichem Schaffen und zu gleich opferbereiter Hingabe für die höchsten Güter unseres Glaubens anzuregen. — Nicht aber so die orthodoxen Glaubensbrüder in Ungarn. Sie können das Gefühl der Freude, das die Schaffung eines solchen Werkes, wie es ein jüd. Lehrerseminar ist, das den Wünschen und Anforderungen des gesetzcstreuen Judenthums entspricht, erwecken muß, nicht, theilen, wenigstens nicht ganz theilen, ohne von den bittersten Vorwürfen in ihrer eigenen Brust bestürmt zu werden. Denn ist schon überhaupt das Entstehen einer jeden Anstalt, in welcher der traditionelle überlieferte Geist der Väter sich harmonisch mit dem Geiste der modernen Cnltur verwebt und vermcitgt, eine Widerlegung ihres unklaren widersprnchsvollenPrinzips, so liegt insbesondere in dem Entstehen eines jüd. orth. Lehrerseminars die schreiendste Anklage gegen das so oft betonte und vielbedaucrte dolce fiu* nicute eben dieser Partei.^ Denn es ist unglaublich, aber wahr: Während für das verhältnißmäßig geringe Bedürfnkß an israel. Lehrern der süddeutschen (?) Gemeinden des deutschen Reichs allein drei(?) große Anstalten sorgen, besitzt die orthodoxe Jndenheit Ungarns für ihre Tausende confessionell jüd. Schulen kein einziges Institut, das für die Heranbildung von. Lehrern, die fest und unentwegt auf dem Boden unserer heil. Religon stehen, sorgen würde. — Wo liegt der Grund für diese auffallende Erscheinung? Liegt er in dem Mangel der Subsistenzmittel , an Verständniß oder Opferwilligkcit für die wichtigsten und heiligsten Interessen des Judenthums? — Nein! der Grund dieser traurigen Erscheinung liegt ganz wo anders. Zur Zeit des ung. jüd. Kongresses — im Jahre 1868 — in welcher alle. das jüd. religiöse Leben berührenden Fragen Gegenstand der Berathung der in.Pest versammelten jüd. Gemeindc-Dclegirten waren, kam selbstverständlich auch die Frage der Erhaltung des jüd. Volksschulweseus zur eingehenden Erörterung. Die Neologen sprachen sich für dieselbe aus und beantragten die Errichtung einer Lehrerbildungsanstalt aus den gemeinsamen Mitteln des Schulfonds und legten ihr den Plan einer Einrichtung zu Grunde, dem die orthodoxe Partei ihre Zustimmung versagen mußte. Der Vorschlag der Ncologcn wurde zum Beschluß erhoben und auch zur Ausführung gebracht, in Form der bislang bestehenden isr. Lehrerpräperandie zu Budapest. Was thatcn nun die Orthodoxen? Man höre und staune! Anstatt dem neologcn Institut ein anderes, in Form und Einrichtung auf dem Boden des gesetztrcuen Judenthums stehendes, entgegenzustellen und dafür ebenfalls die reichen

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