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Der Israelit · 1884-02-04 · Heft 10 (4.2.1884) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 10 (4.2.1884)
Date
1884-02-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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165 . Die israelitische Gemeinde zu Venedig ist wahrscheinlich so alt wie die Stadt selbst, welche im fünften . Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung, gegründet sein soll; denn zur Römerzeit gab es wohl eine Landschaft, aber keine Stadt, die den Namen Venctia führte. Mit dem Aufblühen der Rcpublick Venedig blühete auch die dortige Judengemciude empor. Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 0492) fanden Viele der vertriebenen Glaubensgenossen daselbst eine Zufluchtstätte; unter ihnen der berühmte Don Jizchak Abarbanel, der als Staatsmann und Gelehrter gleich groß und bedeutend war. In seinem Commentare zum 5tcn B- M. erwähnt er seines dortigen Aufenthaltes und weiß die Hoheit, die Macht, den Wohlstand und das Ansehen der Königin der Meere, der mächtigen Republik Venedig, deren Kaufleute Könige und deren Krämer Fürsten seien, nicht genug zu rühmen. In Venedig wurde auch die erste jüdische Buchdruckerei errichtet, und der gesummte Talmud wurde dort zum ersten Male gedruckt.. Damals gab es noch kein Ghetto. Erst im Anfänge des scchszehnten Jahrhunderts wurden die Juden gezwungen, einen besonderen Stadttheil zu beziehen. Dieser Stadttheil hieß Burghetto Vecchio, die alte, kleine Burg (Burghetto italienische Verkleinerung des deutschen Wortes Burg). Aus dem. Burghetto machte der Volksn'-und Ghetto, und dieses Wort wurde nach und nach eine Collektivbezcichnung, - so daß man bald von einem Ghetto in Rom.- in Prag, in Frankfurt a. M. rc. sprach. Vor all den Stadttheilen, die diesen Namen führeil, zeichnet sich das venctianische Ghetto durch seine gesunde Lage aus. — Die Israelitische Gemeinde zu Venedig war stets großdurch die Zahl und die Wohlhabenheit .idrer Mitglieder. Außer dem' Talmudstndiu:n wurden die Künste und Wissenschaften in ihrer Mitte gepflegt. Einer ihrer berühmtesten Rabbiner war Leon da Modena, geboren im Jahre 1571, gestorben im Jahre 1646. Derselbe bekleidete das Rabbineramt in seiner Vaterstadt von seiner frühen Jugend an bis zu seinem Tode. Schon als dreijäbrigcs Kind war er im Stande, den Wochenabschnitt aus der unpunktirten Thorarolle vorzutragcn. Seine zahlreichen Schriften bezeugen seine große Gelehrsamkeit; eines seiner hebräischen Gedichte wird auf dem ganzen, weiten Erdenrunde bei der Feier des Jom Kippur Katan rccitirt. Zu seiner Zeit lebte in Venedig eine jüdische Dichterin Sara Co Pi a Sulla m. Ihr Vater Simon, ein Mann von ungewöhnlicher Bildung, verwendete alle Liebe und Sorgfalt auf die Erziehung seiner einzigen Tochter. Diese belohnte auch in reichem Maße'seine väterlichen Bemühungen. Ihre rasche Fortschritte gingen über die Erwartungen hinaus, welche man von ihren trefflichen Anlagen sich versprechen durfte. Frühzeitig schon hatte sie einige Bekanntschaft mit der heiligen Schrift in der Ursprache sich erworben, sie verstand Lateinisch, Griechisch und Spanisch, und war mit der Literatur der in diesen Sprachen verfaßten Schriften wohl vertraut. Ihrer reichen Phantasie vermochte sie den poetischen Ausdruck zu geben in Liedern und Sonetten, und die Sprache des Herzens und des Gefühls, die Musik, verstand sie meisterhaft. Einem solchen vertrcfflichen Geiste entsprach auch der Spiegel der Seele aufs Vollkommenste: . Sara war von ausgezeichneter Schönheit, und diese im Verein mit ihrem Gcistesreichthum, erklären es hinlänglich, daß sie, zur Jungfrau herangereift, den Mittelpunkt eines Kreises geehrter und gelehrter Männer wurde, unter denen auch, stolze Patrizier Venedigs, wie ein Baffadonna, nicht fehlten. Bei allen ihren glänzenden Eigenschaften aber besaß sie die lauterste Liebe und dic treueste Anhänglichkeit für den väterlichen Glauben, von dem keine Verlockung sie abführen konnte. In welch hoher Achtung die eben erblühte Jungfrau stand, geht schon daraus hervor, daß Leon da Modena, ihr das von ihm herausgegcbene Drama Salomo Usque's, Esther, (1619) widmete. Ein Priester und Dichter, Namens An saldo Ceba, trat mit ihr in schriftlichen Verkehr und suchte sie für den katholischen Glauben zu gewinnen. Die Belehrung Saras zum Ehristenthume war bei ihm zur Leidenschaft geworden, und diese Leidenschaft erfüllte ihn ganz und gar bis an das Ende seines Lebens. Erfolg hatte er keinen-. Sara beantwortete seine Briefe und widerlegte seine Gründe. Als er ihr schrieb, das; er für ihre Bekehrung bete, antwortete sic ihm, daß auch sie ihre Gebete zum Himmel sende, damit er von den Wahrheiten des Jndcnthums erleuchtet werde. Von den Werken der ihrer Zeit so berühmten Dichterin sind uns nur wenige Sonette, Briefe und eine Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele erhalten. Das lctzerwahnte Schriftchcn ist mit hinreißender Begeisterung in der italienischen Sprache geschrieben.*) Wir haben hier noch des Kaufmanns von Venedig, der eine so traurige Berühmtheit erlangt, und der, wie wir gleich voransschicken wollen, niemals existirt hat, zu erwähnen. Shylok ist ein Phantasiegebilde des großen britischen Dichters. Wie bereits in diesen Blättern wiederholt, nachgcwiescn, war cs ein christlicher Kaufmann aus Rom, welcher von einem Inden, der nicht * Ausführliches sinket man in der Monographie fcpn Dr. M. A. Levy, im Jahrbuch für die Geschichte der f,uben, Band III, Leipzig 1863. (B i Osk .r Leimr; Schriften des Instituts zur Forderung der irr. L t ratur.)

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